1916-02-09-DE-001-V

DuA Dok. 235 (ohne Anlage) (re. gk.)

Der Konsul in Aleppo (Rößler) an den Reichskanzler (Bethmann Hollweg)

Nr. 366/K.Nr. 18

Aleppo, den 9. Februar 1916

Aus dem andauernden langsamen Untergang grösserer Teile des armenischen Volkes berichte ich gehorsamst die folgenden Einzelzüge, die mir in den letzten Wochen bekannt geworden sind:

Im November und Anfang Dezember befanden sich grössere Massen von Verschickten längs der Bahnstrecke von Adana nach Aleppo, insbesondere in Islahiye und in Katma. Hier mussten sie aus militärischen Gründen entfernt werden, um die Etappe frei zu bekommen und Uebertragung ansteckender Krankheiten auf das Heer zu verhüten. Die Abbeförderung erfolgte zunächst mit der Bahn nach Ras-ul-Ain. Da aber die Verschickten in Ras-ul-Ain dem Tode geweiht waren, und da ferner die Bahn den gleichzeitigen Transport der Armenier und der Soldaten nicht bewältigen konnte, so wurden die Armenier von Islahiye und Katma zu Fuss nach Akhterin und von Akhterin nach Bab verschickt. Die Strecke von Katma bis Akhterin beträgt etwa 30 Km und von dort bis Bab noch einmal so viel. Es war also eine verhältnismässig günstige Lösung. Djemal Pascha setzte in Konstantinopel durch, dass die Armenier zwischen Akhterin und Bab bleiben sollten. Dort wäre von der Station Akhterin aus eine Verpflegung möglich gewesen. Diese Befehle sind aber wieder umgestossen worden und die Unglücklichen werden von Bab nach Der Zor weiter geschickt. Mit welchem Ergebnis, darüber bitte ich gehorsamst auf den anliegenden [unterrichtet ein] Brief des Konsuls Litten verweisen zu dürfen, den er mir über seine Fahrt von Bagdad nach Aleppo geschrieben hat. Wie es zwischen Meskene und Der Zor aussieht, darüber hatte ich unter dem 16. November - K.No. 109 (J.No. 2078) - schon einmal den Bericht eines Deutschen eingereicht. Auf dieser Strasse ist immer wieder der Strom der Unglücklichen gezogen. Dort hat unter anderem Seine Durchlaucht Prinz Reuss etwa am 12. Januar zwischen den Stationen Tibne und Sabkha wie er mir erzählt hat 15 Leichen am Wege liegen sehen, während sein Kutscher noch mehr gezählt habe.

Anfang Januar hat zwischen Katma und Killis ein Mitleidiger 50 Kinder am Wege aufgesammelt und nach Killis gebracht. Er wollte sie dem Kaimmakam übergeben dieser aber nahm sie nicht an, sodass sie im Freien bleiben mussten. Am nächsten Morgen waren 30 der kranken und erschöpften Kinder erfroren. Die Nachricht kommt aus armenischer Quelle, doch liegt kein Grund vor, an ihrer Wahrheit zu zweifeln.

Ein Armenier, der den Mut hat, von Zeit zu Zeit von hier in Verkleidung nach Bab zu gehen, um den Notleidenden Unterstützungsgelder zu überbringen (deutschen Schwestern ist eine Tätigkeit ausserhalb Aleppos nicht erlaubt worden), berichtet, dass Ende Januar in den 2 ½ Tagen seines Aufenthalts in Bab 1029 Armenier gestorben seien. Das Furchtbarste sei, wenn die Elenden und Kranken gezwungen würden, zur Wanderung aufzustehen. Sie würden mit Schlägen weitergetrieben, ja ihre Zelte würden ihnen angezündet. Er sei Zeuge gewesen wie eine Frau auf diese Weise mit dem Knüttel totgeschlagen wurde. Nach den Vorgängen, die sich früher in der Stadt Aleppo selbst abgespielt haben, muss auch diese Erzählung für wahr gehalten werden.

Vor einigen Monaten waren 3000 Frauen und Witwen von Aleppo nach Killis geschickt worden, wo sie es verhältnismässig gut hatten und wenigstens ihr Leben fristen konnten. In der zweiten Januarwoche sind sie von dort weiter verschickt worden.

Gleichen Bericht lasse ich der Kaiserlichen Botschaft zugehen.


Rößler


Anlage
Aleppo, den 6. Februar 1916.

Sehr geehrter Herr Konsul!

Ihrer Aufforderung entsprechend überreiche ich Ihnen im folgenden ergebenst eine schriftliche Aufzeichnung über die auf der Reise von Bagdad nach Aleppo erhaltenen Eindrücke. Es ist im Wesentlichen eine wörtliche Wiedergabe der Bemerkungen, die ich während der Wagenfahrt mit halberstarrten Fingern in Engschnellschrift in mein Notizbuch einkritzelte. Sie geben daher den an Ort und Stelle unmittelbar gewonnenen Eindruck wieder:

Auf dem Wege von Bagdad nach Aleppo berührt man folgende Stationen: Bagdad, Abu Messir, Feludscha, Romedi, Hit, Bagdadi, Hadisse, Fahime, Ane, Nihije, Abu Kemal, Selahije, Mejadin, Der Sor, Tibni, Sabha, Haman, Abu Hureire, Meskene, Der Hafir, Aleppo.

Sie liegen etwa 60 km von einander entfernt. Von einer bis zur andern fährt man im Wagen, Trab und Schritt abwechselnd, durchschnittlich 6 bis 8 Stunden, d.h. eine Tagesreise. Fussgänger dagegen dürften von einer Station bis zur nächsten wohl drei Tagesmärsche brauchen.

Zwischen den einzelnen Stationen ist vollkommen unbewohntes Wüstenland, nur stellenweise mit niedrigem Gestrüpp bewachsen. Auf mehreren Stationen findet selbst der einzelne Reisende keine Lebensmittel und kein Brot. Der Weg führt zwar am Euphrat entlang, folgt aber nicht allen Windungen, sondern schneidet ab. Manche Stationen liegen meilenweit entfernt vom Flusse. Auf den Stationen meist Brunnen. Der Fussgänger aber, der von einer Station zur andern drei Tage unterwegs ist, muss Wasser mitnehmen, wenn er nicht verdursten will.

Am 17. Januar d.J. bin ich von Bagdad abgefahren. Am 23. Januar kam ich in Hadisse an. Dort sah ich den ersten Armeniertransport, etwa 50 Personen, fast nur Männer, sie trugen türkische Bauernkleidung und schwarz-weiss gestreifte Jacken.

Am 24. Januar kam ich nach Ane. Unterwegs begegnete ich etwa 30 Armeniern unter Gendarmeriebewachung. Der Chan von Ane war mit etwa 40 Armeniern belegt, alle in türkischen Bauernkleidern.

Am 25. Januar überholte ich einen Zug von etwa 50 Armeniern, nur Männern, die unter Gendarmeriebedeckung in der Richtung auf Der Sor gingen. Unser Kutscher sagte, es sei gut, dass es so kaltes Wetter sei, denn sonst würde man es auf dem Wege nicht aushalten können vor dem Gestank der dort verwesenden Armenierleichen. Fast jeder dieser Armenier hatte ein oder zwei Lasttiere bei sich, die ausschliesslich mit Lebensmitteln beladen sind. Der Kutscher sagt, solange der auf diesen Lasttieren untergebrachte Vorrat an Datteln reiche, gehe es den Armeniern gut. Sobald er aber zu Ende sei, müssten sie wohl verhungern, denn selbst wenn sich jemand bereit fände, einem Armenier irgend etwas zu fast unerschwinglichem Preise zu verkaufen, so reichten die auf dem Wege tatsächlich vorhandenen Lebensmittelvorräte auch nicht für den zehnten Teil der Verschleppten aus.

Infolge der bitteren Kälte erkrankt der Kutscher während der Fahrt an Lungenentzündung, ich kutschiere selbst. Auf der nächsten Station engagiere ich als Aushülfe einen Araberjungen.

Am 26. überhole ich einen Armeniertransport von etwa 50 Männern. In Abu Kemal, einer "grösseren" Station (die meisten anderen bestehen nur aus zwei bis drei Häusern) bedient uns im Chan ein 16-jähriger Armenierjunge Artin aus Seitun. Im Chan und allen Stallungen sowie in der ganzen Ortschaft viele Armenier untergebracht. Auch einige Frauen und Kinder.

Am 28. traf ich in Selahije vier deutsche nach Bagdad reisende Offiziere, die mir versicherten, dass sie im Kriege im Osten und Westen manches gesehen hätten, dass aber das, was sich auf dem Wege Aleppo-Der Sor dem Auge darbiete, das Grauenvollste sei, was sie je gesehen hätten.

Am 29. Mejadin. Im Chan, der eng mit Armeniern belegt ist, starker Fäulnisgestank. Der Kutscher des Gepäckwagens erkrankt an Fieber. Mein Diener kutschiert.

Am 30. Januar Der Sor. Die grösste Ortschaft auf der Strecke. Hier zahlreiche Armenier, sicher über 2000. Alle Häuser und Chans mit ihnen belegt. Im Chan, in dem ich absteige wieder derselbe Fäulnisgestank wie in Mejadin. Ueberfüllt mit Armeniern. Zahlreiche Frauen, die sich lausen. Auch viel junge Mädchen und kleine Kinder. Auf den Strassen der sauberen kleinen Stadt viele Armenier jeden Alters und beiderlei Geschlechtes in türkischen Bauernkleidern, aber auch viele, offenbar besseren Ständen angehörende in europäischer Zivilkleidung. Junge Mädchen in gut sitzenden europäischen Kleidern.

Ich treffe hier fünf deutsche Offiziere und einen deutschen Arzt, die nach Bagdad reisen. Sie erzählen, dass auf der Strecke Aleppo-DerSor viele an Flecktyphus zu Grunde gegangen sind. Die Herren haben in 3 Stunden 64 Leichen, die am Wege lagen, gezählt. Auch eine Mutter mit ihrem dreijährigen Kinde liege am Wege, beide tot. Viele der Armenier kämen aus Konstantinopel(?). Der Sor ist ein freundliches Städtchen mit geraden Strassen und Bürgersteigen. Die Armenier geniessen vollkommene Freiheit, können tun und lassen, was sie wollen ... auch in Bezug auf ihre Nahrung, die sie sich selbst kaufen müssen. Wer kein Geld hat, bekommt nichts. Andon aus Angora verkauft mir seine goldene Uhr für 1 türkisches Pfund, Stepan aus Brussa ein Medaillon mit dem Muttergottesbilde für 3 Meschidije. Als ich bei der Abfahrt ihnen diese Familienandenken wieder zustecken will, sind die beiden Armenier verschwunden und trotz Suchens nicht zu finden. Sie fürchten offenbar, dass ich den Kauf rückgängig machen will. Das Geld verlängert ihr Leben um einige Tage. Ich habe beide Gegenstände dem Konsulate in Aleppo übergeben für Rechnung der Eigentümer unter Verzicht auf jeden Anspruch. In der Gemeindelesehalle in Der Sor versammeln sich die vornehmeren Armenier, ein Arzt, zwei Geistliche und mehrere Kaufleute. Ein armenischer Gastwirt ist dort Oekonom. Professor Külz, auf der Durchreise nach Bagdad, behandelt meinen an Lungenentzündung erkrankten Kutscher. Krisis bereits überwunden. Ich ziehe dem Kutscher drei wollene Hemden an, er muss wieder selbst kutschieren: der als Aushülfskutscher engagierte Araberjunge ist weggelaufen und spurlos verschwunden und niemand in Der Sor ist bereit, mit uns zu fahren, ... denn hinter Der Sor beginnt der Weg des Grauens.

Er zerfiel für mich in zwei Teile: den ersten Teil von Der Sor bis Sabha, auf dem ich aus der Lage der Leichen, dem Zustande ihrer Zersetzung und Bekleidung sowie aus den herumliegenden Wäschefetzen, Kleidungsstücken und Hausgerätteilen, mit denen die Strasse besät ist, mir ein Bild machen konnte von dem, was sich hier abgespielt hat: wie die allein in der Wüste herumirrenden Nachzügler schliesslich zusammengebrochen und mit vor Schmerz entstelltem und verzerrtem Gesicht in Verzweiflung verendet sind, und wie andere wieder dank des heftigen Nachtfrostes schneller erlöst worden und friedlich entschlummert sind, wie einige durch arabische Räuber nackt ausgezogen worden sind, während anderen die Kleidung durch Hunde und Raubzeug in Fetzen vom Leibe gerissen wurde, wie andere nur die Schuhe und Oberkleidung verloren haben und andere schliesslich vollkommen angezogen neben Sack und Pack liegend erst kürzlich zusammengebrochen und gestorben sind ... wohl beim letzten Transport, während die blutigen und halbgebleichten Skelette an die vorhergehenden Transporte erinnern, und in den zweiten Teil von Sabha bis Meskene, wo ich das Elend nicht mehr zu erraten brauchte, sondern den Jammer mit eigenen Augen schauen musste: ein grosser Armeniertransport war hinter Sabha an mir vorbeigekommen, von der Gendarmeriebedeckung zu immer grösserer Eile angetrieben, und nun entrollte sich mir in leibhaftiger Gestalt das Trauerspiel der Nachzügler. Ich sah am Wege Hungernde, Dürstende, Kranke, Sterbende, soeben Verstorbene, Trauernde neben den frischen Leichen; und wer sich nicht schnell von der Leiche des Angehörigen trennen konnte, setzte sein Leben aufs Spiel, denn die nächste Station oder Oase liegt für den Fussgänger drei Tagemärsche entfernt. Von Hunger, Krankheit, Schmerz entkräftet taumeln sie weiter, stürzen, bleiben liegen.

Mein Vorrat an Brot, Wasser, Trinkbarem und Essbaren ist bald erschöpft. Ich will einem Dürstenden Geld geben. Er holt selbst Geld heraus und bietet mir einen Medschidije, etwa vier Mark, für ein Glas Wasser. Ich habe keinen Tropfen mehr.

Erst zwischen Meskene und Aleppo sieht man keine Armenier und keine Leichen mehr, denn die Transporte haben zum grossen Teil Aleppo nicht berührt, sondern sind über Bab gegangen.

Am 31. Januar um 11 Uhr Vormittags war ich von Der Sor abgefahren. Drei Stunden lang sehe ich keine einzige Leiche und hoffe schon, die Erzählungen möchten übertrieben sein.

Dann aber beginnt die grauenvolle Leichenparade:

1 Uhr Nachmittags: Links am Wege liegt eine junge Frau. Nackt, nur braune Strümpfe an den Füssen. Rücken nach oben. Kopf in den verschränkten Armen vergraben.

1 Uhr 30 N[achmittags].: Rechts am Wege in einem Graben ein Greis mit weissem Bart. Nackt. Auf dem Rücken liegend. 2 Schritt weiter ein Jüngling. Nackt. Rücken nach oben. Linkes Gesäss herausgerissen.

2 Uhr 00: 5 frische Gräber. Rechts: ein bekleideter Mann. Geschlechtsteil entblösst.

2 Uhr 05: Rechts: 1 Mann, Unterleib und blutender Geschlechtsteil entblösst.

2 Uhr 07: R[echts]: 1 Mann in Verwesung.

2 Uhr 08: R: 1 Mann, vollkommen bekleidet, auf dem Rücken, Mund weit aufgerissen, Kopf nach hinten gestemmt, schmerzentstelltes Gesicht.

2 Uhr 10: R: 1 Mann, Unterkörper bekleidet, Oberkörper angefressen.

2 Uhr 15: Spur einer Abkochstelle. Ueberall auf dem Wege Wäschefetzen.

2 Uhr 25: L[links]. am Wege: 1 Frau, auf dem Rücken liegend, Oberkörper in einen um die Schultern genommenen Schal eingehüllt, Unterkörper angefressen, nur die blutigen Schenkelknochen ragen noch aus dem Tuch.

2 Uhr 27: Viel Wäschefetzen.

2 Uhr 45: Viel Wäschefetzen.

3 Uhr 10: Spuren einer Abkochstelle und eines Lagerplatzes. Viel Wäschefetzen. Feuerstellen, 1 Kohlenbecken. 6 Männerleichen, nur noch mit Hosen bekleidet, Oberkörper nackt, liegen um eine Feuerstelle.

3 Uhr 22: 22 frische Gräber.

3 Uhr 25: R: 1 bekleideter Mann.

3 Uhr 28: L: 1 nackter Mann, angefressen.

3 Uhr 45: Blutiges Skelett eines etwa zehnjährigen Mädchens, langes blondes Haar noch dran, liegt mit weit geöffneten Armen und Beinen mitten auf dem Weg.

3 Uhr 50: Viel Wäschefetzen.

3 Uhr 55:L: Vollkommen bekleideter Mann mit schwarzem Bart mitten auf dem Wege auf dem Rücken liegend, als sei er eben vom Felsblock, der links am Wege, abgestürzt.

4 Uhr 03: R 1 Frau, in ein Tuch eingehüllt, an sie gekauert ein etwa dreijähriges Kind in blauen Kattunkleidchen. Kind wohl neben der zusammengebrochenen Mutter verhungert.

4 Uhr 10: 17 frische Gräber.

5 Uhr 02: ein Hund frisst an einem Menschenskelett.

5 Uhr 03: Ankunft in Tibni. Nur ein Chan, sonst keine Häuser. Keine Armenier.


1. Februar 1916:

8 Uhr 22 V[ormittag].: Abfahrt von Tibni, ein neuer Junge als Aushülfskutscher angestellt.

8 Uhr 33: L: 1 nackter Junge. Dicht daneben Spuren eines Lagerplatzes, Kinderschuhe, Frauenschuhe, Galoschen, Hosen, Wäschefetzen, die im folgenden nicht mehr einzeln erwähnt werden, da der ganze folgende Weg damit besät.

9 Uhr 04: L: 1 Leiche in Verwesung.

11 Uhr 00: L: 1 blutiges Skelett.

11 Uhr 03: L: 1 blutiges Skelett.

11 Uhr 33: L: 1 blutiges Skelett.

12 Uhr 05: Spuren eines Lagerplatzes, viel Kleidungsstücke, Blechbehälter, alte Steppdecken, 1 Kinderhaube.

2 Uhr 07: 1 Skelett. Wegen des eisigen Windes von rechts hatte ich auf einer Seite des Wagens die Vorhänge zugezogen, sodass ich die rechts am Wege liegenden Leichen an diesem Tage nicht gesehen habe.

4 Uhr 30: Ankunft in Sabha. Dorf voll von armenischen Familien, die offenbar schon vor längerer Zeit hierher gekommen sind und sich hier kleine Steinhäuser gebaut haben. Alle Chane verstopft mit Armeniern. Ich fahre durch das Dorf durch, um ausserhalb im Wagen zu schlafen, werde schliesslich vom Mudir in der Schule untergebracht, wo ich ein gutes Zimmer bekomme. Im Dorfe auch einige junge Frauen und Mädchen, die anscheinend besseren Ständen angehören, die Kinder dieser Familien sind mit guten europäischen Wollsachen bekleidet. Die Steinhäuser des Dorfes sind von den besseren Familien bewohnt. Rings um das Dorf herum lagern die Aermeren in Hütten und Zelten. 1 Zeltlager dicht neben dem Dorfe, etwa 150 Zelte. Die Hütten aus Kistenbrettern zusammengehämmert. Der Türhüter der Schule klagt über die grosse Teuerung, die durch die Armenierverschleppung über das Dorf gekommen sei. Früher habe man 6 Eier für einen Metallik bekommen, jetzt koste ein einziges Ei drei bis vier Metallik. Die reicheren Armenier kauften die Nahrungsmittel zu jedem Preise auf, um das Dasein ihrer Familien sicher zu stellen, die ärmeren hungerten. Für die Häuser müssten sie an den Grundeigentümer Miete zahlen.


2. Februar 1916:

9 Uhr V[ormittag]: Abfahrt von Sabha.

9 Uhr 45: L. 1 Menschenschädel. Dem als Aushülfskutscher angestellten Jungen gehen die Pferde mit dem Gepäckwagen durch, werden aber nach einigen Minuten abseits vom Wege wieder eingefangen.

1 Uhr 55 N[achmittag]: 1 Armeniertransport. Ueber 20 Ochsenwagen, mit Säcken und Hausgerät beladen. Darauf Frauen und Kinder. Ausserdem viele Fussgänger mit Säcken auf dem Rücken. Könnte man die Wagen nicht besser für Munitionstransporte gebrauchen? Der Transport hat gerade Halt gemacht. Auf einem Sack an der Erde liegt eine stöhnende Frau. Einige behaupten in ihrer Verzweiflung, sie seien persische Untertanen, weil sie mich wegen meiner Pelzmütze für einen persischen Beamten halten. Die mit Peitschen bewaffneten Gendarmen treiben zum Aufbruch an.

2 Uhr 05: ein Junge ist mit seinem Packen am Wege zusammengebrochen, bewegt noch die Beine.

2 Uhr 07: eine alte Frau führt ein etwa 12-jähriges Mädchen an der Hand, beide stark erschöpft.

2 Uhr 08: Ein Junge kommt vorbei mit Zeltstange und schwerem Gepäck auf dem Rücken. Hinter ihm ein alter Mann, eingehüllt in ein Kaffeetischtuch.

2 Uhr 30: Ein kranker Armenier mit gerolltem Tuch um den Oberkörper bietet mir vergeblich Geld für einen Trunk Wasser. Ich habe keinen Tropfen mehr.

2 Uhr 31: Ein führerloser Karren mit zwei Pferden. Mit Säcken beladen. Auf den Säcken eine stöhnende junge Frau mit geschlossenen Augen.

2 Uhr 32: L; Eine weinende Greisin am Wege.

2 Uhr 33: L: Zwei teilnahmslos vor sich hinstierende Männer sitzen am Wege.

2 Uhr 34: Eine schluchzende Frau, etwa 25 Jahre alt, kauert neben einem etwa 30 Jahre alten Manne. Dieser nur mit Hemd und Hose bekleidet, soeben gestorben, lang ausgestreckt.

2 Uhr 57: L: 1 Greis, nackt, dem das linke Bein abgefressen ist.

3 Uhr 30: R: 1 kleiner Junge, nur mit Hemd bekleidet, neben ihm ein Hund. Rock liegt etwas weiter weg.

3 Uhr 33: L: 1 offenes Grab.

3 Uhr 35: R: 1 etwa vierjähriges Kind in blauem Hemde.

3 Uhr 36: Links am Wege ein grosses Lager von etwa 500 Zelten zu sehen. 20 frische Gräber. 1 Frau mit Säugling im Arm, beide tot.

3 Uhr 37: L: 5 frische Gräber. 1 Mann tot.

3 Uhr 38: Ankunft in Hamam. Besteht nur aus zwei Häusern: der Gendarmeriestation und dem Chan. Die Armenier, etwa 5000, sind in dem oben erwähnten Zeltlager untergebracht. Mitten in der "Ortschaft" eine angefangene Hütte. Daneben ein toter Mann. Das Kommando der Gendarmeriewache in Hamam haben zwei Kriegsfreiwillige übernommen, die seit 15 Tagen hier sind. Sie klagen über die Mißstände, denen sie ohnmächtig gegenüberstehen. Jeden Tag kämen neue Armenier an, die sie laut Befehl weiterschieben müssten. Es sei aber nichts zu essen da. Daher bleibe nichts anderes übrig, als die Hungernden sobald wie möglich weiter zu schicken, damit die Leichen wenigstens nicht in der Ortschaft lägen. Auf die Frage, warum die Armenier nicht wenigstens die dicht neben dem Zeltlager liegenden Toten beerdigten, wurde mir geantwortet, sie hätten keine Kraft mehr dazu, zumal der Boden jetzt hart gefroren sei. Die meisten von ihnen hätten den Flecktyphus. Das türkische Beerdigungskommando arbeite von früh bis in die Nacht, ohne die Arbeit bewältigen zu können. Ein alter Gendarm erzählt, er sei seit 25 Tagen hier. Er gönne den Armeniern ihre Strafe, weil einige von ihnen gegen den Padischah gearbeitet hätten. Aber dann solle man sie verurteilen und erschiessen und nicht langsam zu Tode martern. Er könne es nicht mehr aushalten und werde sicher den Verstand verlieren, wenn er diesen grenzenlosen Jammer noch länger mit ansehen müsse. Auf meine Frage an die beiden Kommandanten, warum sie nicht Bericht erstatteten, erfolgte die bezeichnende Antwort: "Effendim, hükümetin emri! Basch üstüne!" (Mein Herr, Befehl der Regierung! Zu Befehl!)


3. Februar 1916:

8 Uhr 20 V[ormittag]. Abfahrt von Hamam. Eisige Kälte. Alle Pfützen gefroren. Drei Männer, die tags zuvor am Tor in der Sonne sassen, sind erfroren. Ich kaufe den gesamten noch vorhandenen Brotvorrat auf, d.h. 6 Laib Brot.

8 Uhr 50: L: 1 Leiche in Verwesung.

9 Uhr 01: L: 1 Skelett mit Strümpfen.

9 Uhr 40: L: 1 bekleidete frische Leiche.

10 Uhr 10: L: 1 bekleidete frische Leiche, Gesicht schwarz.

10 Uhr 20: L: 1 bekleidete frische Leiche, Beine angefressen, Gesicht schwarz.

10 Uhr 26: L: 1 bekleidete frische Leiche, Gesicht verhüllt.

10 Uhr 30: R: 1 bekleidete frische Leiche, Gesicht schwarz.

10 Uhr 31: L: 1 Pferd mit Sattel ohne Reiter am Weg stehend.

10 Uhr 57: 1 Leiche, mit Tuch zugedeckt.

11 Uhr 48: L: 1 junge Frau, ganz frisch. Blaue Pumphosen, schwarze Jacke. Friedlicher Gesichtsausdruck. Gesicht braun. Der Kutscherjunge hat sich Steine gesammelt und bombardiert damit die Leichen der "Ungläubigen". Er bekommt von meinem persischen Diener eine Tracht Prügel.

12 Uhr 05: L: 1 zerrissene Leiche. 1 vollkommen bekleidetes Bein. Das andere, bis auf die Knochen abgenagt, etwas weiter weg. 1 offenes Grab daneben.

12 Uhr 25: 10 frische Gräber.

12 Uhr 35: R: 1 nackter Junge. Kopf schon Schädel. Der Gepäckwagen stürzt um. Ein Pferd durch Beinbruch unbrauchbar geworden. Der kutschierende Araberjunge bekommt von mir selber eine Tracht Prügel und redet mich seitdem nicht mehr mit Effendi, sondern mit Bey an.

12 Uhr 45: 6 Ochsenwagen mit armenischen Familien und Gepäck und viele Fussgänger kommen vorbei. Rechts am Wege zwei grosse Zeltlager, zusammen etwa 600 Zelte, 6000 Personen. Beide Lager beim Aufpacken. Kinder, Frauen, Tote, Kranke, alles durcheinander. Dazwischen viel Unrat. Keine Latrinen. Einige Männer machen einen Rundgang, stossen jeden am Boden liegenden mit dem Fusse an, um zu sehen, ob schon tot. Die Aufbrechenden schleppen noch viel Hausgerät, Zelte, Decken usw. mit, während auf den entfernteren Strecken die Leute ihre Tiere und sich vorwiegend nur mit Lebensmittel bepacken.

13 Uhr: Ankunft in Abu Hureire. Am Euphrat. Armenier aus den Zeltlagern kommen mit Eimern und schöpfen Wasser am Euphrat. Ich gehe an den Fluss herunter und fische zwei Eisplatten aus dem Euphrat. Dies mag beweisen, welche Kälte hier in der Nacht geherrscht hat. Zwei junge Mädchen kommen mit zwei Eimern. Sie sind elegant gekleidet, tragen europäische dunkelblaue sogenannte Kostüme. Ihre Hände sind geschwollen und dunkelrot von der ungewohnten Arbeit im kalten Wasser. Drei Jungen von etwa 6, 5, 4 Jahren begleiten sie. Die Mädchen sprechen ausser türkisch etwas französisch, sind misstrauisch, geben nicht an, woher sie kommen. Sie scheinen schon einige Tage mit ihrer Familie hier kampiert zu haben und die Leiden des Weges vergessen zu haben. Ihre Lebensmittel hätten bis heute gereicht, aber sie seien wohlhabende Leute und Papa wolle auf der nächsten Station wieder für einige Tage einkaufen. Bis Hamam, das von 6000 Personen bereits leer gegessen ist und wo es nichts mehr giebt, sind es für Fussgänger und die im Schritt gehenden Ochsengespanne aber zwei Tagemärsche, und bis Sabha drei weitere Tage! Die nächste Station, in der "Papa einkaufen" kann, ist also für die Unglücklichen fünf Tagemärsche entfernt, und fünf Tage werden sie vielleicht hungern müssen! Ich habe noch 1 ½ Laib Brot. Erst als ich ihnen erkläre, dass es auf der nächsten Station nichts giebt, nehmen sie die Gabe an unter dem Vorbehalt, sie an andere verteilen zu wollen, wenn es doch für Geld etwas zu kaufen gebe und entfernen sich schnell mit kurzem Dank.

1 Uhr 52: Abfahrt von Abu Hureire.

2 Uhr 27: L: Leiche in weisses Tuch eingewickelt.

2 Uhr 30: L: 3 Leichen: 1 schon angefressen, 1 frisch, Oberkörper nackt, 1 schon verwesend.

2 Uhr 35: L: 1 Mann, mit Hemd und blauer Hose bekleidet, soeben gestorben. Zwei Mädchen sitzen weinend daneben.

2 Uhr 36: L: 1 Mädchen mit rotblondem Haar, schwarzer Bluse und grauer Hose, auf dem Bauch liegend.

2 Uhr 40: L: 1 verwesende Leiche. 1 Geier darauf sitzend.

2 Uhr 47: L: Leiche eines kleines Mädchens, von Raubzeug zerfetzt. Schwarzes Haar. Knochen der Beine liegen überall herum. Fleischstücke herausgerissen. Ein Geier kreist darüber.

2 Uhr 52: L: 1 Leiche in Tuch eingewickelt. Beine abgefressen.

2 Uhr 53: L: Ein Junge liegt sterbend auf seinem Packen. Die Beine bewegen sich noch im Krampfe. Neben ihm weidet ein Hund eine Leiche aus.

2 Uhr 55: L: Leiche eines noch vollständig gekleideten Knaben.

2 Uhr 58: L: 2 Menschenschädel und auseinander gerissene Skelettknochen.

2 Uhr 59: L: Leiche eines Mannes, mit weissem Hemde und schwarzer Hose bekleidet. Rock daneben.

3 Uhr 00: L: Ein dickgefressener herumstreifender Hund. Fetzen von Steppdecken und Kleidungstücken.

3 Uhr 01: R: 1 Greis. Wirbelsäule blosgelegt, Beine abgefressen.

3 Uhr 02: Mitten auf der Strasse eine Wirbelsäule und ein Menschenschädel.

3 Uhr 03: L: Frau mit braunen Hosen, frisch. Zerrissene Steppdecke.

3 Uhr 09: 1 Leiche. Kopf noch erhalten. Gesicht schwarz. Beine abgefressen. Bauch- und Brusthöhle geöffnet und ausgeweidet. Weisses Tuch um die Kinnbacken.

3 Uhr 13: L: Grosser weisser Hund, einer Leiche den Rock zerreissend und dann das Gesicht zerfleischend.

3 Uhr 15: R: Skelett mit noch erhaltenem Brustfell. Beine vom Knie ab weg. Becken blosgelegt. Von Oberschenkeln nur noch die Knochen vorhanden.

3 Uhr 24: L: 1 bekleideter Mann. 1 Frau, bekleidet, weisses Haar. Mitten auf dem Weg etwa 15-jähriges Mädchen, schöne Körperformen, liegt wie schlafend da, beim Weiterfahren sieht man aber, dass der rechte Arm fehlt, der aus dem noch blutigen Kugelgelenk herausgerissen ist.

3 Uhr 25: L: 2 Männer, bekleidet, Gesicht schwarz.

3 Uhr 30: L: 1 Frau in blauem Kleide, nackte Beine, schwarze Strümpfe, ganz frisch. R: grosser weisser Hund.

3 Uhr 34: R: Gebleichter Schädel und Knochen inmitten von Wäsche- und Kleiderfetzen.

3 Uhr 37: R: 1 Mann, bekleidet, ganz schwarz.

3 Uhr 43: R: 1 Kind mit rot und weiss gestreiften Hosen, zugedeckt mit einem braunen Männerrock. Halblinks ein dicker Hund.

3 Uhr 45: R: 6 grosse armenische Zeltlager, etwa 600 Zelte, 6000 Personen. Armenier tragen Gestrüppholz zusammen.

3 Uhr 53: R: 1 Leiche mit schwarzer Hose und gelbem Kittel, Gesicht schwarz.

3 Uhr 59: R: 1 Leiche, Gesicht schwarz, weisses Hemd, weisse Unterhosen.

4 Uhr 03: R: 1 Mann, barfuss, schwarzer Anzug, Rock in die Höhe gerissen.

4 Uhr 04: 1 Gerippe auf dem Wege dicht neben den Rädern des Wagens. Zähne und Fleischteile der unteren Gesichtshälfte noch erhalten. Gesichtsausdruck daher ein breites Grinsen über gefletschten Zähnen. Beängstigender Anblick. L: Auf einer kleinen Erhöhung, daher etwa in der Höhe der Augen des Reisenden, ein Kind weiblichen Geschlechts von etwa zwei Jahren, nur mit rotem Hemdchen bekleidet, das heraus gezogen ist. Blutender Schamteil entblösst und der Strasse zugekehrt.

4 Uhr 08: L: 1 Frau, gelbe Hose, schwarze Strümpfe.

4 Uhr 12: L: 1 kleiner Junge, weisse Hose. Schwarzes Gesicht, sonst ganz frisch.

4 Uhr 13: L: 1 kleiner Junge mit verschränkten Armen, schwarzer Anzug, weisse Strümpfe.

4 Uhr 23: L: 1 kleines Mädchen, karierte Hose, grauer Rock, braunes Haar.

4 Uhr 24: L: 1 junger Mann, ganz frisch, vollkommen angezogen. Aus Sackleinwand gefertigte Schuhe, Bänder um die Waden.

4 Uhr 37: L: 1 Leiche, in weisses Laken und schwarze Decke gehüllt. Kopf schwarz.

4 Uhr 50: R: 1 Frau, schwarze Hose, braune Jacke.

4 Uhr 55: L: 1 Frau mitten auf dem Wege, schwarze Jacke, schwarzes Haar, Hand über die Augen gelegt.

6 Uhr 10: Ankunft in Meskene. Vor Meskene grosses Zeltlager von über 2000 Zelten. Ueber 10000 Personen. Eine vollkommene Zeltstadt. Anscheinend gar keine Latrinen. Um den Ort und das Zeltlager ein breiter Gürtel von Menschenkot und Unrat, durch den auch mein Wagen eine Zeit lang fahren muss. Ich übernachte im Wagen, denn im Ort, der vollkommen verstopft, nirgends Unterkunft zu finden. Das einzige Zimmer auf der Gendarmeriewache ist mit 6 türkischen Militärärzten belegt, die aus Konstantinopel kommen und nach Bagdad reisen. Sie erzählen, auf dem Wege zwischen Aleppo und Meskene lägen keine Toten. Ob sie über die Eindrücke, die sie von Meskene ab erhalten werden, nach Konstantinopel Bericht erstatten werden?


4. Februar 1916:

3 Uhr V[ormittag]: Abfahrt von Meskene.

11 Uhr: 2 Leichen männlichen Geschlechts, eine rechts, eine links vom Wege.

5 Uhr 05 N[achmittag]: Ankunft in Aleppo.

5. Februar 1916: Regenwetter.

6. Februar 1916: Starker Schneefall.

Zusammenfassung: Ich habe mit eigenen Augen an die hundert Leichen und etwa ebensoviel frische Gräber gesehen auf der Strecke Der Sor-Meskene. Nicht mitgezählt sind die in den Ortschaften zu Friedhöfen vereinigten Gräber. Ich habe etwa 20000 Armenier gesehen. Bei allen meinen Zahlenangaben habe ich mich auf die Schätzung der wirklich von mir selbst Gesehenen beschränkt. Ich bin nie von der Strasse abgewichen, habe auch z.B. in Der Sor nicht die entfernteren Viertel der Stadt aufgesucht. Die Zahl der wirklich Verschleppten muss daher bedeutend höher sein. Ferner habe ich nicht gesehen diejenigen, die sich noch auf dem linken Ufer des Euphrat befinden. Die Strecke, die ich befahren habe, soll nur eine Teilstrecke sein. Nördlich von Meskene in der Richtung auf Bab und nördlich von Der Sor in der Richtung auf Rebel Ain sollen bedeutende Armenierlager ihrer Weiterschiebung harren. Es ist deshalb nicht ausgeschlossen, dass Reisende, die einige Wochen nach mir dieselbe Strecke befahren, dann zehnmal soviel Leichen zählen wie ich. Ueberall, wo in der Türkei Wüstensand an bewohnte Gegenden grenzt, sollen sich in diesen Tagen ähnliche Trauerspiele abspielen mit Hunderttausenden von Mitwirkenden.

Die Armenier werden von den Türken nicht als Gefangene, sondern als "Auswanderer" (muhadschir) bezeichnet und so nennen sie sich auch selbst. "Aussiedelung" nennt der amtliche Bericht diese grausamste aller Todesarten! Offiziell ist alles in schönster Ordnung. Nicht ein Pfennig wird ihnen entwendet oder gewaltsam weggenommen ... nicht den Lebenden. Sie können sich kaufen, was sie wollen ... wenn sie was finden! Und niemand kann die eigentlichen Mörder so leicht feststellen!

"Was soll aus ihnen werden?" habe ich unterwegs manchen Türken gefragt. "Sie werden sterben." lautete die Antwort.

Sie werden sterben. Der blinde Gehorsam der regierungstreuen Gendarmen, denen noch nie der Gedanke aufgedämmert zu sein scheint, dass der Diensteid oft zu vorläufigem Ungehorsam und zur Bitte um Umänderung eines Befehls verpflichten kann, der eisige Frost des Winters, die unerträgliche Hitze des Sommers, der Flecktyphus, der Lebensmittelmangel bürgen dafür.

Die so am Wege starben und verkamen, waren ottomanische Staatsangehörige und Christen. Die Kapitulationen sind aufgehoben; wir sind in der Türkei den ottomanischen Staatsangehörigen christlichen Glaubens gleichgestellt, wir haben nicht mehr als gleiche Behandlung zu beanspruchen!

Aber nicht alle werden umkommen. Uebrig bleiben werden einige, die eine eiserne Gesundheit, eine abgefeimte Schlauheit und reiche Mittel besitzen. Sie werden dem Tode ins Auge gesehen, ihre Nerven gestählt und, wenn nicht irgend etwas geschieht, einen unversöhnlichen Hass gegen die Türkei und das Deutsche Reich in sich aufgespeichert haben. Diese Lebenskraft in den Adern, werden sie vielleicht zahlreiche Nachkommen zeugen.

Es ist daher vielleicht in Zukunft mit einer armenischen Bevölkerung zu rechnen, die an der türkischen Ostgrenze nicht nur im Norden am schwarzen Meere an der persischen Grenze mit den Kurden, sonder auch im Süden am Euphrat bis nach Mesopotamien hinein mit den Arabern in Fehde leben wird, die also an den Ufern des Euphrat von der Quelle bis zum Schatt el Arab angesiedelt sein wird.

Sollten wir da nicht vorsorgen? Jeder Armenier, der eine der vielen französischen Missionsschulen besucht hat, spricht fliessend französisch und ist in französischem Geiste erzogen. Dagegen kenne ich deutsche Missionsschulen für Armenier, in denen kein Deutsch gelehrt, sondern der Unterricht in armenischer Sprache erteilt wird, wo die Lehrer und Lehrerinnen nicht deutschen Geist in die Zöglinge verpflanzen, sondern im Gegenteil selber von den armenischen Schülern beeinflusst und in die Netze der armenischen Propaganda hineingezogen werden. Sodass sie unbewusst zu Trägern und Schützern der armenischen Politik werden.

Einzelne dieser Anstalten leiden Not. Eine ist mir bekannt, die für 2 Lehrerinnen und über 60 Kinder alle Unkosten einschliesslich Gehältern und Ernährung mit 8000 Mark jährlich bestritt. Sollte sich nicht durch Gewährung von Reichsbeihülfen an diese deutsche Missionsanstalten in Armenien und dem entstehenden Neuarmenien eine Aufsicht der Reichsregierung ermöglichen lassen, die allmählich derartig verschärft werden müsste, dass die Verbreitung deutscher Sprache und deutschen Geistes unbedingt sichergestellt und die Ausnutzung der Missionen zu politischen Umtrieben ausgeschaltet würde?

Wäre es nicht an der Zeit, schon jetzt mit dieser deutsch-nationalen Arbeit zu beginnen, ehe die französischen Patres und russischen Popen oder deren Strohmänner wiederkehren und die Armenier gegen deutsches Wesen und gegen die Türkei aufhetzen?

Sehr bedauerlich ist auch, vom rein praktischen Standpunkte aus, die Vernichtung von so vielen lebenden Arbeitskräften gerade auf dem Wege Aleppo-Bagdad. Auf dieser Strecke sieht man überall die Anfänge einer im Bau schon ziemlich vorgeschrittenen Kunststrasse. Die Armenier würden mit Freuden diese Strasse fertig bauen. Sie würden nicht einmal Tagelohn beanspruchen. Aber Brot, die Rettung vom Hungertode. Der fast durchweg bereits aufgeworfene Strassendamm, oft meilenweit bereits beschottert, die schon durchstochenen Hügelketten, die teils fertig gestellten, teils angefangenen Steinbrücken schreien geradezu nach Fertigstellung der Strasse! Und an dieser gegebenen Aufgabe, an dieser ganzen Strecke entlang schon verteilt, sitzen über 20000 bereite Arbeitskräfte und verhungern!

Man brauchte gar nicht den Weg nach dem ursprünglichen Plane als Kunststrasse vollkommen auszubauen. Es würden schon jetzt einige Ausbesserungen an wenigen Stellen genügen, um binnen kurzer Zeit die Strasse in solchen Zustand zu bringen, dass die Entfernung Aleppo-Bagdad mit Lastkraftwagen in fünf Tagen bequem zurückgelegt werden könnte, auf die man jetzt 20 Tage verwenden muss.

In den Kreisen der Bagdadbahn hörte ich über Arbeitermangel klagen. 12000 Arbeiter, die in nächster Zeit benötigt werden, sind schwer zu bekommen. Und in dem Dreieck Aleppo-Mossul-Bagdad liegen hunderttausende armenischer Arbeitskräfte brach!

In Persien aber tragen unsere Landsleute ihre Haut zu Markte und warten mit leeren Patronengurten sehnlichst auf die Munition, die bei den jämmerlichen türkischen Etappenverhältnissen irgendwo zwischen Konstantinopel und Bagdad in einer überverstopften Etappe festliegt.

Mit der Versicherung, dass meine Angaben nach Bestem Wissen gemacht sind, bin ich Ihr ergebenster


Wilhelm Litten.

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