1918-06-20-DE-001
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Quelle: DE/PA-AA/R14102
Zentraljournal: 1918-A-27194
Erste Internetveröffentlichung: 2003 April
Edition: Genozid 1915/16
Praesentatsdatum: 06/25/1918 p.m.
Laufende Botschafts/Konsulats-Nummer: J. Nr. 9525
Zustand: A
Letzte Änderung: 03/23/2012


Der Korrespondent der "Frankfurter Zeitung" in Konstantinopel Paul Weitz über seine Reise durch den Nordosten der Türkei





[Von der Politischen Abteilung des Kommandos der Heeresgruppe von Mackensen (J. Nr. 9825) an den Reichskanzler Grafen von Hertling übermittelt]
J. Nr. 9525
Bukarest, den 20. Juni 1918

Am 14. April habe ich auf dem Dampfer "Gül-Nihal" die auf mehrfach geäusserten Wunsch der kaiserlich ottomanischen Regierung ausgeführte Reise angetreten. Gleichzeitig nahmen an dieser Fahrt teil, ein österreich-ungarischer Pressevertreter, Dr. Steiner. Nach meinen Informationen für die Wiener "Reichspost“, den "Pester Lloyd", den Berliner "Lokalanzeiger", das Amsterdamer "Algemeen Handelsblad" und eine spanische Zeitung. Ferner der türkische Historiker Prof. Refik Bey für den "Tanin". Hauptmann Fahri Bey von der photographischen Abteilung der Kriegsschule und Vizekonsul Anders, der die Absicht hatte, nach Erzerum, seinem früheren Posten, zu reisen.

Die Bemühungen der Hohen Pforte, einen oder zwei Journalisten aus neutralen Staaten für die projektierte "Armenierexpedition" zu gewinnen, blieben fruchtlos. Sowohl der holländische Gesandte in Konstantinopel wie dessen schwedischer Kollege verhielten sich dem Wunsche der Pforte gegenüber ablehnend. Nach den mir von beiden Diplomaten persönlich gewordenen Versicherungen wollten sie nicht, dass mit ihrem Hinzutun Vertreter der öffentlichen Meinung ihrer Länder sich zur Zeit nach den ostanatolischen Provinzen begeben. Die Besorgnis wurde rege, dass vielleicht durch einen Druck der ottomanischen Regierung ihre Landsleute an einer wahrheitsgemässen Wiedergabe der Verhältnisse behindert werden könnten. Beziehungsweise, dass ihnen nur in beschränktem Masse Gegenden und Vorgänge gezeigt würden, welche unvollständig und einseitig das Bild der dortigen Lage wiederspiegeln.

Frei von ähnlichen Bedenken blieb ich ebenfalls nicht. Oberstleutnant Sefi Bey, Chef der II. Abt. im türkischen Grossen Hauptquartier (Nachrichtenwesen), lag die Ausarbeitung des Reiseplans ob. Er war auch derjenige, welcher sich um die einzelnen Dispositionen kümmerte. Ich glaubte ihm sagen zu müssen, dass ich in meiner Wahl einen Vertrauensbeweis der türkischen Regierung erblicke. Trotzdem man mir wegen der grossen Beschwerlichkeiten mehrfach und dringend von der Fahrt abriet, wollte ich der Aufgabe mich nicht entziehen. Ich hielt es für meine Pflicht mitzuwirken, um mit meinen bescheidenen Kräften die furchtbaren Anschuldigungen zerstreuen zu helfen, welche die gesamte Kulturwelt anlässlich der Armeniermorde gegen die Türkei erhebt. Doch vermag dies nur zu geschehen, wenn von keiner Seite eine Einwirkung auf mich ausgeübt würde und eine objektive Berichterstattung gewährleistet bleibe. Sefi Bey gab mir diese Zusicherung. Er bekräftigte sie durch mehrfachen Händedruck.

Die Fahrt erfuhr gleich zu Beginn eine kleine Programmänderung. Der "Gül-Nihal" sollte direkt Trapezunt anlaufen. An Bord befand sich Vizegeneralissimus Enwer Pascha mit dem Grossen Hauptquartier. In der Nacht vom 15. auf den 16. April erhielt er den Funkspruch vom Falle Batums. Enwer Pascha beschloss daher Trapezunt nur kurz zu berühren, um den dort befindlichen Oberkommandierenden der Kaukasusarmee Vehib Pascha an Bord zu nehmen und sofort nach Batum weiter zu reisen. Wir folgten seiner Einladung, ihn zu begleiten. Nach dreitägigem Aufenthalt in der schönen Hafenstadt dampften wir nach Trapezunt zurück.

Vom 20. - 23. verblieben wir in der Hauptstadt des gleichnamigen Wilajets als Gäste Vehib Paschas. Unsere Bewegungsfreiheit war nicht eingeschränkt. Wir konnten uns da und dort informieren. Deutsche waren wohl nicht anwesend. Immerhin einige vertrauenswürdige Balten, die nach dem russischen Abzug zurückblieben. So der baltische Oberstabsarzt Dr. Pieper, Apotheker Berting und der Historiker Grosset. Ferner der griechische Erz-Bischof Msgr. Chrysantos. Eine Persönlichkeit von hoher Bildung und dem allergrößten Takte. Chrysantos hatte mehrere Jahre an deutschen Universitäten studiert. Er beherrscht vollkommen unser Idiom. Seine ehrliche Sympathie für Deutschland wurde mir von den verschiedensten Seiten bestätigt. Er gilt nicht als Freund der Armenier. Von den Türken wird er als Freund der Türken reklamiert. Jedenfalls verstand er, ihr Vertrauen zu gewinnen und vermochte dadurch die grosse blühende Diözese von Trapezunt, welche auf alter historischer Vergangenheit beruht, vor dem gänzlichen Untergang zu retten. Ich habe seinen Namen in allen Lagern, von allen Nationalitäten und Konfessionen mit aufrichtigem Respekt nennen gehört. Trapezunt mit seinem Hinterland, das sich bis tief in die Hochebenen des pontischen Randgebirges erstreckt, hat ethnographisch einen ausgesprochen griechischen Charakter. Die Zahl der Armenier in der Wilajetshauptstadt wurde zu Beginn des Feldzuges auf höchstens viertausend eingeschätzt. Die Stadt als solche hat trotz wiederholter Bombardements durch die Russen wenig gelitten. Die weitläufigen solide gebauten Basarviertel sind fast vollkommen intakt. Es herrschte, obschon kaum vier Wochen seit der Wiederbesetzung durch die Türken verstrichen waren, reges Leben im Bazar. Mehrere tausend ottomanische Griechen waren zurückgekehrt. In den Geschäften herrschte ein lebhafter Handel mit Seife, Thee, Zucker, Petroleum u.s.w., hauptsächlich Artikeln, welche die Russen zurückgelassen hatten. Armenier waren nicht mehr vorhanden. Das armenische Viertel stand als einziges fast vollkommen verwüstet da. Ein kleiner Bruchteil Armenier konnte sich noch kurz vor dem Eintritt der Türkei in den Weltkrieg in die Batumer Gegend hinüberretten. Ein anderer grösserer Bruchteil wurde in das Innere verschleppt und fand da den Tod zumeist infolge von Entbehrungen, der Rest wurde in Trapezunt niedergemetzelt, als die Nachrichten vom Verrat der Armenier im Van-Gebiete eintrafen.

Nur eine in Trapezunt verbliebene Armenierin, Tochter eines Arztes, entging dadurch dem furchtbaren Tod, von welchem ihre gesamte Familie betroffen wurde, dass sie im letzten Moment von einem Schweizer Bürger namens Fleury, Besitzer eines Hotels in Trapezunt, geheiratet wurde.

Gleich nach der Okkupation ernannten die Russen einen Armenier den Fürsten Bebudoff zum Stadtkommandanten. Bebudoff nahm Rache an den Türken. Eine ganze Anzahl der letzteren wurde grundlos hingerichtet.

Der griechische Erzbischof Chrysantos wandte sich mehrfach mit eindringlichen Protesten gegen das wütende Vorgehen Bebudoffs an den Grossfürsten Nikolai Nikolajevitsch. Mit dem Erfolge, dass man schliesslich Bebudoff abberief. General Schwartz war zum Stadtkommandanten ernannt worden. In Trapezunt hörten die Verfolgungen auf. Das muselmanische Element erfreute sich sogar des ausgiebigen Schutzes unter dem veränderten Regime. Die Muselmanen selbst hoben das humane Verhalten dieses Generals, welches ihnen Sicherheit für Leben und Eigentum zurückgab, rührend hervor. Erst nach der russischen Revolution brach für die Muselmanen eine neue Schreckenszeit an. Zwei armenische in der Hauptsache aus Banden gebildete Regimenter erhielten Trapezunt als Standort. Willkürliche Hinrichtungen von Muselmanen standen bald wieder auf der Tagesordnung. Der tapfere Erzbischof wusste auch hier geschickt zu intervenieren. Nach einiger Zeit legte sich der Blutdurst der armenischen Regimenter.

Ich hatte mehrfache Unterredungen mit dem griechischen Erzbischof. Erst zögernd, dann aber mit offenem Freimut versicherte er mir, dass das türkische Vorgehen in Trapezunt grundlos war. Die dortige armenische Bevölkerung hielt sich von den politischen Machenschaften fern. Sie war durchaus friedliebend, beschäftigte sich mit Handel und war oft türkischer gesinnt als die Türken selbst.

Die Entfernung von Trapezunt nach Erzindjian beträgt 300 km. Die uns zugesicherten Autos waren nicht vorhanden. Auf meine Reklamation erhielt ich die Antwort: Emin olonus! (Es wird sicher sein.) Im Laufe der langen Reise drang diese beliebte türkische Phrase sehr oft an mein Ohr. Ihr Wert blieb stets der gleiche. Wir mussten die Fahrt in engen Wagen zurücklegen. Bis nach Erzindjian benötigten wir 7 Tage. Die langsame Beförderung hatte immerhin den Vorteil, dass wir vielleicht einen tieferen Eindruck der Verhältnisse empfingen. Der erste Tag brachte uns nach dem 35 km entfernten Orte Djivislik. Die breite Chaussee, deren Bau französische Ingenieure 1912 für die türkische Regierung in Angriff nahmen, ist von den Russen in ausgezeichneter Weise vollendet worden. Sie zieht sich in vielfachen leichten Windungen an linken Ufer des Flusslaufes durch die äusserst fruchtbaren Taleinschnitte des pontischen Randgebirges nach Tjivislik hin. Am rechten Ufer des Flusslaufes haben, paralell mit der Chaussee laufend, die Russen eine 80 cm breite Dekauville-Bahn gebaut. Sie geht noch 6 km über Djivislik hinaus. Unterbau, Brücken, Stationsgebäude, welch letztere in regelmässigen Entfernungen von etwa 5 1/2 km folgen, sind Arbeiten von höchster Solidität. Die Bahn war während der Russenzeit im Betrieb. Jetzt ist sie es nicht mehr. An den Stationen war nur geringes Wagenmaterial und einige Lokomotiven vorhanden.

Sechs grössere Ortschaften, welche wir passierten und die ausschliesslich von griechischem Element bewohnt waren, sind total niedergelegt. Auch die griechischen Kirchen. Die Niederlegung erfolgte vor der russischen Okkupation durch die Türken aus strategischen Rücksichten. Der Bevölkerung war Zeit gelassen die Ortschaften zu räumen. Die höher gelegenen zahlreichen griechischen Klöster, welche nicht auf der russischen Vormarschlinie sich befanden, blieben verschont. Man sah auf den Höhen da und dort Truppen von Arbeitern mit Zugvieh, welche die Tabak- und Getreidefelder bestellten. Auffallend war die grosse Anzahl von Chaussee-Motorwalzen. Riesige Maschinen aus den amerikanischen Austin-Werken. Es sei gleich vorweg bemerkt, dass auf der 300 km langen Strecke Trapezunt-Erzindjan etwa 80 Walzen, auf der 180 km langen Strecke Ezindjan-Erzerum fast die gleiche Anzahl von mir gezählt wurden. Ob sie betriebsfähig sind, vermochte ich nicht zu beurteilen. Aeusserlich schien es so. Es ist jedoch möglich, dass die Russen durch Entfernung wichtiger Schraubenteile die Riesenwalzen still legten. Jedenfalls arbeitete keine einzige. Auf der ganzen Tour ist auch zahlreiches wertvolles Material an Telegraphen- und Stacheldrähten aufgestapelt. Man bemerkte nicht die geringste Anstrengung für die Bergung dieser teilweise schon durch Rost angefressenen Beute.

Djivislik, ein grösserer Ort, da die Regierung dort drei Tage vor unserem Eintreffen wieder einen Kaimakan installierte, ist gleichfalls zerstört. Wir wohnten in einem leidlich gehaltenen zum Regierungskonak adoptierten Hause. Dort waren ausser dem Kaimakan, ein Telegraphenbeamter und zehn Gendarmen untergebracht. Vorläufig die einzigen Bewohner von Djivislik.

Am nächsten Tag setzten wir unsere Fahrt nach dem 30 km entfernten Hamsikeni fort. Ueberall die traurigsten Spuren der Verwüstung. Im Tale niedergebrannte menschenleere Griechen-Dörfer. Auf den Höhen, soweit sie nicht im unmittelbaren Bereich der Chaussee liegen, sind aber auch da die Dörfer zum Teil erhalten geblieben. Hamsikeni selbst bietet den gleichen trostlosen Anblick. Wir übernachteten dort und brachen am anderen Morgen nach Ardassa auf. Die Fahrt geht über den landschaftlich ungemein pitoresken Sigana-Pass. Prachtvolle Gegenden mit heute noch dichten Tannen- , Fichten- und Erlenwäldern. Die Russen haben auf halben Wege von Hamsikeni nach Ardassa zwei mächtige Sägewerke angelegt. Sie liegen still. Scheinen elektrisch durch die Wasserkraft selbst Harschid-Flusses betrieben worden zu sein.

Ardassa ist ein kleines, jetzt verwüstetes Städtchen. Hur zwei Häuser waren teilweise intakt. In dem einen befand sich das Etappenkommando, das andere wurde von dem seit einigen Tagen angekommenen Kaimakan bewohnt. Doch war in dem Hause des Kaimakans nur ein Zimmer beziehbar. Dort hatte man den ganzen Regierungsapparat untergebracht. Auch diente das eine Zimmer dem Kaimakan gleichzeitig als Wohnraum und Küche. Wir verbrachten darin die Nacht zu 6 Personen. In Ardassa herrscht etwas mehr Leben. Das brachte hauptsächlich die Etappe mit sich. Ausserdem ist daselbst eine kleine Reparaturwerkstatt für Automobile installiert. Am 26. morgens setzten wir die Reise von Ardassa nach Gümüschhane fort. Der Kommandant der Autokolonne, ein Kapitän tscherkessischer Abstammung, welcher mit 15 Daimler Lastwagen dem Etappendienst zwischen beiden Orten vorsteht, bot uns die Benützung an. Die Autos befördern 3 t Last. Trotz des schwierigen Geländes versehen diese Daimler ihren Dienst tadellos. Auch auf dem Wege nach Gümüschhane nichts als Verwüstung. Während der ganzen Fahrt kein Mensch sichtbar. Die griechische Bevölkerung hört hinter Ardessa auf. Die Dörfer wurden da schon stark von Armeniern, gemischt mit Türken, bewohnt. Hier kommt uns zum ersten Male praktisch zum Bewusstsein, dass die Fähigkeiten der Armenier nicht nur auf dem Gebiete des Handels und der Finanzen liegen. Der Armenier in den Hochebenen von Erzindjian und Erzerum bis hinunter nach Musch, Kharput und dem Van-Seegebiet ist vornehmlich ein gesunder, kräftiger Landmann. Ein Bauer in des Wortes vollster Bedeutung. Dieser eingesessene armenische Bauernstand hat in erster Linie beigetragen, die reichen Naturschätze der ostanatolischen Provinzen des türkischen Reiches zu entwickeln. Die herrlichen oft Kilometer langen Obstplantagen auf den Wege nach Gümüschhane, welche jetzt gerade in wundervollster Blüte prangten, die daran anschliessenden sichtbar intensiv bebaut gewesenen jetzt aber brachliegenden fetten Felder und Wiesen legen Zeugnis von dem relativ hohen Kulturzustand der hier geherrscht haben muss bevor die neuen Zustände den lähmendsten Verhältnissen Platz schafften.

Der armenische Bauernstand war friedlich, arbeitswillig und repräsentierte eine wichtige Steuerquelle für den Fiskus. Zu den Waffen griff er im allgemeinen nur aus Notwehr, wenn das räuberische, faule Kurdengesindel von den Bergen hinabstieg, um ihm die Früchte seiner mühevollen Arbeit zu rauben.

In Gümüchhane sind keinerlei Spuren von Armeniern mehr vorhanden. Das armenische Viertel, welches vom Wohlstand der früheren Besitzer Zeugnis ablegt, befindet sich in einem leidlich guten Zustande. Die Armenier sind teils nach dem Westen der asiatischen Türkei exiliert, in ihrer Mehrheit jedoch in Gümüchhane selbst umgebracht worden. Wir hielten uns einige Stunden in der einst sehr betriebsamen Stadt auf. In einem Kaffeehause mit kurdischen Notabilitäten zusammensitzend, wurden mit seltenem Freimut die grausamsten Einzelheiten von den Massakres der Armenier erzählt. Dabei hob man, was uns bei Fortsetzung der Reise mehr wie einmal auffiel, immer die Tatsache besonders hervor, dass es in der betreffenden Gegend keinen einzigen Armenier mehr gäbe.

Wir machten Station in Pir-Achmed, einen nur aus wenigen Häusern bestehenden Weiler. Das russische Oberkommando befand sich längere Zeit daselbst. Von Pir Achmed zweigen die Strassen ab. Die eine führt nach Erzerum, die andere nach Erzindjian.

Am frühen Morgen des nächsten Tages setzten wir uns wieder in Bewegung. Gegen 2 Uhr mittags erreichten wir nach Passieren einiger niedergebrannter menschenleerer Dörfer das Städtchen Kösse. Es trägt ebenfalls Spuren von starker Verwüstung. Kurden bewohnten es. Nur einiges Bettelvolk trieb sich herum. Das beste Haus, in welchem jedoch kein Fenster mehr vorhanden war, wies man uns vom Etappenkommando als Unterkunft für die Nacht an. Die Russen hatten in Kösse ein grosses Proviantlager, vollständig mit hohen Stacheldrähten eingefasst und einen Flughafen errichtet. Eine kleine türkische Kolonne bewacht die unter Zelten aufgestapelten, zurückgelassenen Vorräte.

Die Weiterfahrt am nächsten Tage führte uns bis Sinbadur, einem 3 km von der Chaussee abseits gelegenen Kurdennest, das von den Ereignissen verschont geblieben ist. Es setzt sich aus einigen 50 Steinhütten zusammen. Seine Bewohner sind Kizil Buschis, eine Abart der schiitischen Religion, mit Hinneigung zum Jesidismus. Wir wurden beim Ortsältesten in einer geräumigen Empfangshalle untergebracht. Bald versammelten sich sämtliche Dorfbewohner männlichen Geschlechtes in und ausserhalb der Halle. Man schleppte Eier, Milch, Honig in grossen Mengen heran und sparte nicht mit wiederholten Kundgebungen der Sympathie für Deutschland. Die Leute waren sehr herzlich und forderten uns auf am Rückwege wieder bei ihnen Halt zu machen. Jedes Geldgeschenk lehnten sie ab. Nur einige Sardinenbüchsen erklärten sie annehmen zu wollen.

Die Weiterfahrt am anderen Morgen gestaltete sich äusserst schwierig. Den Uebergang über den Sipik-Korpass hätten wir normal nicht bewerkstelligen können und wieder nach Trapezunt umkehren müssen. Nur dem Umstande, dass inzwischen ein Telegramm eingelaufen war, wonach Vehib Pascha in den nächsten Tagen nach Erzindjian reisen wolle, verdankten wir das Weiterkommen. Aus einem am Fusse des Sipik-Kor gelegenen Kurdendorf wurde die männliche Bevölkerung von zweihundert Personen aufgeboten, welche seit dreissig Stunden die Wege über den 2200 m hohen Pass von Schnee freilegte. Trotzdem gestaltete der Uebergang sich äusserst mühsam. Die Pferde versagten, obschon das Gepäck aus dem Wagen entfernt war und von den Kurden bis zum höchsten Punkt des Passes getragen wurde. Auch wir zogen vor, mehrere Stunden in tiefem Schnee zu klettern. Gegen 9 Uhr abends war die Passhöhe erklommen. Zum Glück schien der Vollmond sonst wäre ein Fortkommen kaum möglich gewesen. Der Sipik-Kor bleibt für gewöhnlich von Anfang Dezember bis Mitte Mai unpassierbar. Die Welt ist dann dort mit Brettern vernagelt. Auf dem Abstieg einige kleinere niedergebrannte Dörfer.

Um 3 Uhr morgens, den 30. April erreichten wir glücklich Erzindjian, die Hauptstadt des gleichnamigen selbständigen Mutessarifates. Vorbereitet für unser Unterkommen war nichts. Trotz aller möglichen angeblichen Telegramme und Ordres, die abgegangen sein sollten. Zähneklappernd, es waren zwei Grad unter Null warteten wir bis 6 Uhr morgens auf dem Telegraphenamt. Erst dann gelang es den Bemühungen der uns begleitenden zwei türkischen Hauptleute in der Beledije (Bürgermeisterei) Quartiere zu belegen

Nach den niederdrückenden Erfahrungen der letzten Woche wirkte Erzindjian anfangs wie ein freundlicher Stimmungswechsel. Die Stadt erfreut sich einer schönen ganz untürkischen Anlage. Der Hauptplatz mit den verschiedensten in türkischem Monumentalstyl errichteten Regierungsgebäuden könnte jeder Grosstadt zur Ehre gereichen. Die Häuser sind durchwegs von schönen Gärten umrahmt. Das moderne Ersindjian gilt als Gründung des Muschir Zekki Pascha. Fast 20 Jahre bis 1908 spielte er dort die Rolle eines Vize-Königs. Unter seinem Befehl standen die Armeekorps von Diabekir, Harput und Erzerum. Gleichzeitig hatte ihn der Sultan zum Chef über die 1897 ins Leben gerufenen 66. Hamidieregimenter ernannt. Er besass viel Initiative. Er baute nicht bloss in das Auge fallende prächtige Kasernen, sondern auch zwei Tuchfabriken, eine Lederfabrik und anderes mehr. An verschiedenen Stellen der reizvollen durch Schneeberge gekrönten näheren Umgebung liess Zekki Pascha öffentliche Parks anlegen. Die Angaben über die Einwohnerzahl lauten verschieden. Ungefähr richtig dürfte es sein, dass Ersindjian bis vor dem Kriege beiläufig 20000 Muselmanen, worunter 5000 Kurden aus dem Dersim-Gebiet und 10000 Armenier an Bewohnern zählte. Jetzt war die Stadt nach Angaben der dortigen Regierungsbehörden von 3000 Muselmanen bewohnt. Langsam kehren dieselben, welche sich zum Teil in das Kurdengebiet geflüchtet hatten, zurück. Wir machten während des dreitägigen Aufenthaltes dem Mutscharif (Regierungspräsidenten) einen Besuch. Einem intelligenten Araber, der gleichfalls erst eingetroffen und bis dahin in Verwaltungsstellungen in Syrien tätig war. Aus eigner Anschauung vermochte er uns über die Vorgänge der letzten drei Jahre nichts zu sagen. Er händigte uns nur eine Liste der von den Armeniern begangenen Verbrechen ein. Ich nehme sie aus Höflichkeit an mich, lehne es aber ab von dieser Liste Gebrauch zu machen. Sie ist so offen parteiisch, dass damit keine Katze sich hinterm Ofen hervorlocken lässt. Fast dieselbe Liste empfingen wir beim Militärkommandanten. Auf meine Frage, wieviel Armenier noch in Ersindjian verblieben oder jetzt zurückgekehrt seien, lautete die Antwort beider Herren: keine. Wir überzeugten uns auch durch Augenschein von der furchtbaren Wahrheit dieser Auskunft.

Die muselmanische Stadt hat an ihren Baulichkeiten durch die Ereignisse in relativ geringem Umfange gelitten. Die ein klein wenig abseits gelegene armenische Stadt ist gänzlich in Trümmern gelegt und ausgestorben. Wie ein Riesenfriedhof nimmt sie sich aus. Nur die äusseren Umfassungsmauern der Häuser sind noch teilweise stehen geblieben. Ihre Höhen und der Umfang lassen auf die Wohlhabenheit der dortigen Armenier schliessen. An einem Nachmittag begleiteten uns Gendarmen in das armenische Viertel. Wir besichtigten das aus Schuttbergen bestehende Innere einer Reihe von Häusern. Die Gendarmen entfernten da und dort die obersten Schuttschichten. Ueberall kamen menschliche Körperteile, Köpfe, Hände, Füsse ans Tageslicht. Man wollte uns noch mehr aus dieser Menschheitstragödie vorführen, ich ordnete jedoch an, den Rückweg anzutreten. Von den drei armenischen Kirchen in dem Viertel sind bei zweien die Gebäude erhalten, das Innere jedoch, die Fussböden inbegriffen vollkommen verwüstet. Wilde Hunde treiben darin ihr Unwesen. Die dritte Kirche mit dem Bischofsgebäude bildet einen Schutthaufen. Wie wir einwandfrei an Ort und Stelle erfuhren, hielten nach dem Abzug der Russen von Ersindjian, Ende Januar 1918, starke armenische Banden unter Führung Mrat Paschas die Stadt und die Ebene besetzt. Die Armenier übten ein wahres Schreckensregiment aus. Die muselmanische Bevölkerung wurde in Trupps zu 25 - 30 Männern, Frauen und Kindern nach dem armenischen Viertel gebracht, wo sie verschwanden. An einem Nachmittag unternahmen wir einen Ausflug nach den an der Euphratbrücke errichteten Parkanlagen. Gendarmen erzählten uns, wie sie 1915 die armenische Bevölkerung an der Spitze den Bischof von Ersindjian nach dem Euphrat trieben und ertränkten. An beiden Ufern hielten Kurden Wache und schossen jeden, der es wagte sich retten zu wollen, nieder. Die Stellen wurden uns gezeigt, von wo bei winterlicher Kälte die Opfer dieser grauenhaften Unmenschlichkeit von ihren Blutspeinigern fast nackend in die Fluten getrieben wurden. Ebenso besichtigten wir die riesigen Kasernements der Umgebung, in denen man buchstäblich 1500 Armenier zu gleicher Zeit abgeschlachtet hatte. Der eine Gendarm gab die Ziffer der von ihm eigenhändig Getöteten auf 50, ein anderer auf 27 an. Das erzählten uns diese Leute prahlerisch als Ruhmestat, ohne danach gefragt zu werden. Wir hüteten uns überhaupt nach der Richtung hin zu forschen, um nicht den Verdacht der Parteilichkeit aufkommen zu lassen.

Jedenfalls scheint das eine unumstösslich festzustehen, dass die armenische Stadt von Ersindjian schon 1915 der Vernichtung preisgegeben wurde. Wie ich ferner einwandfrei erfahre, hat sich weder im Mutessarifat von Ersindjian noch im Wilaget Erserum die muselmanisch türkische Bevölkerung an den Armeniermassakres beteiligt. Wo es der Fall war, handelte es sich nur um verschwindende Ausnahmen. In Konstantinopel organisierte Banden unter Führung von Tscherkess Hassan, Gendarmen, in erster Linie aber Kurdentrupps müssen als die eigentlichen Urheber der Massakres gelten. Ich habe hier und vielfach bei Fortsetzung der Reise das aufrichtige Bedauern einfacher Türken über die Ausrottung der Armenier vernommen. In den Städten übten sie auch vielfach unentbehrliche Handwerke aus, die vorläufig noch nirgends einen Ersatz fanden.

Die türkischen Regierungsbeamten konnten jedoch mit einer gewissen „bona fides" auf die im Jahre 1915 aus Stambul an sie gerichteten Anfragen, ob es den Tatsachen entspreche, dass in Ersindjian grosse Armeniermassakres vor sich gegangen wären, antworten: „in Ersindjian herrsche absolute Ruhe, es seien daselbst keinerlei Massakres vorgenommen.“ Die Bluttaten wurden ja 3 - 4 km von Ersindjian entfernt verübt.

Einige sehr angenehme Stunden verbrachten wir in Gesellschaft einer österreich-ungarischen Gebirgsartillerie- und Schiessschulkolonne, die sich unter Befehl des Hauptmanns Hupka mehrere Kilometer von Ersindjian entfernt in einem armenischen Dorfe seit 14 Tagen etabliert hat. Das Dorf war ausgebrannt und menschenleer. Mit grossem Geschick hatten die braven aus Steyrern und Tirolern zusammengesetzte Mannschaft einen daselbst befindlichen, dem früheren Militär-Oberkommandanten Muschir Zekki Pascha gehörigen Kiosk zum Bewohnen in Stand gesetzt. Sowohl Hauptmann Hupka, der Führer der Kolonne, wie seine drei Offiziere, welche aus der entgegengesetzten Richtung vom Süden über Karput nach Ersindjian kamen, erzählten uns, dass auch dort überall das armenische Element radikal ausgerottet war.

Am 3. Mai morgens verliessen wir Ersindjian. Drei in der Ebene gelegene armenische Ortschaften boten denselben Anblick wie die vorangegangenen. Wir legten an dem Tage fast 70 Kilometer zurück, da unsere Pferde ausgeruht waren. Sassa, das wir durchfuhren, ein Trümmerfeld, ebenso Bidje, unser Nachtquartier.

Am 4. setzten wir die Reise nach Mamachattun (Terdjan) fort. Eine grössere Stadt mit gemischter türkisch- und armenischer Bevölkerung. Wieder ein Trümmerfeld, nur wenige Häuser in leidlichem Zustande erhalten. Wir wohnen beim Kaimakan. Er war erst seit Wochenfrist aus Konstantinopel angekommen. Kannte nichts von der Gegend und wusste ebensowenig über die vorangegangenen Geschehnisse zu erzählen.

Nur einige zurückgekehrte muselmanische Familien bemerkte man. Die aus der Seldschukenherrschaft stammenden Baudenkmäler des Ortes sind teilweise ebenfalls den Ereignissen zum Opfer gefallen. Vor der Stadt befinden sich zwei grossangelegte russische Soldatenfriedhöfe mit einigen hundert Soldatengräbern. Sie sind noch erhalten. Die kleinen hineingebauten russischen Holzkirchen mit dem Doppelkreuz sind im Innern bereits geleert.

Gegen die Mittagstunde am 5. brachen wir nach Karabijik auf. Die Gegend ist öde und hat schwieriges Gelände. Kleinere Ortschaften, die wir durchfuhren, menschenleer und verwüstet. Einige Kilometer von Mamahattan entfernte, zeigt sich der Oberbau einer von den Russen während des Krieges begonnenen Decauville 80 cm Spurweite Bahn. Gegen 10 Uhr nachts trafen wir in Karabijik ein. Auf freiem Felde ein ungewöhnlich grosses unter Zelten verstautes, von den Russen zurückgelassenes Vorratslager. Ringsherum eine Reihe von Zelten mit Truppen. Der Etappenkommandant, ein Hauptmann, zeigte uns das geringste Maas von Entgegenkommen. Wir sollten in einem Zelt mit vier französischen Kriegsgefangenen, welche als Elektrotechniker bei der Armee Vehib Paschas beschäftigt sind, nächtigen. Dieses Ansinnen lehnten wir ab. Wir suchten das Dorf auf, wo wir dank der Freundlichkeit eines Offiziers albanesischer Abstammung in dem einzig halb erhaltenen Haus unser Lager aufschlagen konnten.

Von Karabijik bis nach Sarikamisch ist die von den Russen während der anderthalbjährigen Besetzung des Landes hergestellte Decauville-Bahn in einer Länge von 158 Werst im Betrieb gewesen. Jetzt ist sie es nur von Erzerum nach Sarikamisch (122 Werst). Die Bahn läuft von Karabijik, von wo ein Nebengeleise zu dem 900 Meter östlich vom Bahnhof befindlichen Etappenlager führt, entlang der Kara Su oder Elegia nach Erzerum. Von Erzerum bewegt sich die Bahn in vielen Serpentinen auf der Berglehne von Deve Burnu, um dann in die Ebene von Passin Ova herabzusteigen. Sie durchschneidet dieselbe, fast immer entlang der Chaussee gehend, berührt die Stadt Hassan Kale und Koeru Reni, folgt hierauf dem Flusstal des Aras bis zur Einmündung im Araxes, die Ortschaft Chorassan anlaufend. Wenige Werst hinter Chorassan steigt sie wieder in die Höhe. Der kommende Teil ist der schwerste des ganzen Baues. Ein Kunstobjekt folgt unaufhaltsam dem anderen. Sie waren notwendig auf dem elendsten Terrain von lauter Rutschboden. Die Bahn geht bis 1700 Meter Höhe. Sie berührt die Ruine Zivin Paschu, Punar Vasch Kerchen, die Stadt Zivin und Kara Urgan, die bisherige russische Grenzstadt. Dann gelangt sie nach Ahilwarsch, Zak, Syrbasan, geht später entlang dem Flusslauf des Iskender Su und senkt sich schliesslich etwa dreihundert Meter hinunter nach Sarykamisch. Die Anlage der Bahn ist gut. Sie erfordert aber Steigungen bis 6% und Kurven bis 30 Meter heruntergehend. Die schwierige Entwässerung der Bahn bei zahlreichen steilen Hängen und acht Monaten Schnee ist in hervorragender Weise von den Russen gelöst. Tunnels, Viadukte und sonstige Kunstbauten vom Standpunkte der Ingenieurkunst glänzend durchgeführt. Auf jeder Station sind Wasseranlagen mit Pulsometer angebracht, da der Wasserverbrauch ein sehr hoher. Die Stationen waren noch durchwegs mit russischer Kohle versehen. An Material liessen die Russen zirka 250 Decauville-Lokomotiven, russischer und amerikanischer Konstruktion und zirka 600 Wagen, von denen 100 F. Güterwagen, 450 N. Frachtwagen und 50 Personenwagen sind. Die Eisenbahnstationen folgen von 5 zu 5 Werst bis zur ehemaligen russischen Grenze. Von Erserum bis Hassan Kale kennt niemand die Namen dieser Stationen. Sie lehnen sich an keinerlei Ortschaften an und waren lediglich von Russen aus militärischen Bedürfnissen heraus geschaffen. Die Stationsgebäude bis Hassan Kale sind ähnlich den sibirischen Stationen aus Holz ausgeführt. Von Hassan Kale bis Sarykamisch dagegen ansehnliche stylvolle Steinbauten. In Chorossan befindet sich eine umfangreiche Lokomotiv- und Waggon-Reparatur-Werkstatt, welche hundert und mehr Arbeitern Platz bietet. Auf weitere Einzelheiten werde ich später zurückzukommen Gelegenheit haben.

Den 7. morgens verliessen wir Karabijik und trafen gegen 10 Uhr in Ilidja, einer Stadt am Eingang der Ebene von Erzerum ein. Bis nachmittags 2 Uhr verblieben wir dort. Ilidja, ein Flecken von 4000 Einwohnern, diente den wohlhabenden Leuten aus Erzerum als Sommervilligiatur. Zwei Kohlensäurebäder mit mächtigen Bassins sind erhalten geblieben. Sonst ist Ilidja so gut wie zerstört und seine zumeist aus Armeniern bestehende Bevölkerung nicht mehr vorhanden. Nur einige Fuhrleute und durchziehende Militärtrupps hielten dort Rast, um sich gleich uns durch ein erfrischendes Bad zu laben. Ein tags vorher eingetroffener Mudir mit fünf Gendarmen bildeten das lebende Inventar der einst blühenden Badestadt.

Die vor uns liegende Hochebene von Erzerum misst in ihrer Länge gegen 24 Kilometer, während ihre Breite zwischen 12 und 15 Kilometern variiert. Mit blossem Auge sehen wir acht Ortschaften. Sie waren sämtlich von armenischen Bauern bewohnt. Drei davon durchqueren wir auf der Fahrt nach Erzerum. Sie sind ausgestorben, von den Häusern stehen nur die Aussenmauern. Anders werden wohl auch die übrigen Dörfer in der sonst fruchtbaren und gesegneten Hochebene nicht aussehen. Nirgends kam auch nur die Idee einer Rauchvolke zum Vorschein.

Um 6 Uhr nachmittags erreichten wir Erzerum. Der dortige Militärkommandant und stellvertretende Wali Oberstleutnant Redjeb Bey, ein Albanese, hatte für gute Unterkunft Sorge getragen. Wir blieben vier Tage in Erzerum. Die Behörden waren daselbst von grossem Entgegenkommen.

Erzerum besass vor Kriegsausbruch etwa 48000 Einwohner, hiervon 12000 Armenier. Die Stadt hat in manchen Teilen durch die Beschiessung der Russen gelitten. Das armenische Geschäftsviertel, welches im Hauptbasarteile liegt, fand ich durchgehend verwüstet vor. Die armenischen Kirchen waren äusserlich erhalten. Im Innern ausgeräumt und zu Proviantmagazinen und sonstigen Depots umgestaltet. Zur Zeit unseres Dortseins konnten nach Erzerum 1500 muselmanische Familien, also annähernd 9000 Personen zurückkehren.

Armenier gab es nicht einen einzigen mehr in Erzerum. Von Einwohnern christlichen Bekenntnisses nur einen Griechen, Georgios, der uns zur Bedienung zugewiesen, aber schon nach 24 Stunden wohl aus Besorgnis, dass er uns mehr erzählen könnte als den Behörden angenehm sei, dieser Funktion entkleidet wurde.

Die Behörden suchten uns eine Liste der von den Armeniern begangenen Gräuel aufzudrängen. Die Massakres gegen die Armenier setzten jedoch schon 1915 ein. Die nahe Russengrenze begünstigte die Flucht einer Reihe von Armeniern. Andere wurden in das Innere verschleppt, gegen 6000 umgebracht. Die armenischen Geschäftshäuser, solide Steinbauten, sind heute nach drei Jahren noch voll von penetrantem Modergeruch. Die in die grosse armenische Kathedrale Zuflucht suchenden Armenier wurden samt und sonders niedergesäbelt.

Von Ende Januar bis 9. März 1916 nach dem Abzuge der Russen hielten die Armenier Erzerum besetzt. Unter Führung französischer Offiziere, an deren Spitze Oberst Morel stand, gingen nunmehr sie zu Bestialitäten über. In einem Han wurden 750 Muselmanen, Frauen, Männer, Kinder in einem gegenüberliegenden 500 eingesperrt. Dann wurden beide Häuser durch Benzin in Brand gesteckt. Man hatte diese Häuser bisher nicht geöffnet. Uns zu "Ehren“ sollte es in Gegenwart von Redjeb Bey geschehen. Ich werde niemals den furchtbaren Eindruck überwinden, als aus dem weggeschaufelten Schutt ein verkohlter Leichnam nach dem andern zum Vorschein gelangte. Stellen des Grauens und Entsetzens, wie wenn der vulkanische Boden auch bei den Menschen Eruptionen unsäglicher Leidenschaft und racherfüllten Hasses hervorrufen müsste. Als die Türken am 9. März in Erzerum überraschend einrückten, wurden die noch nicht abgezogenen Armenier, welche sich in einem festungsartigen Han zu verteidigen suchten, bombardiert und später bei der Uebergabe umgebracht.

Es lassen sich noch eine Reihe von Details anführen, deren Wiedergabe zu weit führen würde. Das allgemeine Bild, welches auf obigen Fakten beruht, vermögen sie vielleicht zu ergänzen, aber nicht zu verschieben.

Den 11. verabschiedeten wir uns von Erzerum. Die Decauville Bahn sollte uns am 12. Mittags nach Sarykamisch (122 Werst) befördern. Wir brauchten jedoch bis zum 14. Nachts zum Zurücklegen der Strecken, für die die Russen acht Stunden benötigten,

Nach zweimonatlicher türkischer Besitznahme waren von den 250 Lokomotiven nur noch 12 Stück zum Gebrauch möglich. Aber auch diese müssen nach einigen Werst zurückgelegter Strecke stets anhalten, um Notreparaturen vorzunehmen. Auf der ganzen Linie bis Sarykamisch war buchstäblich kein einziger Stations-Eisenbahnbeamter oder gar Weichensteller vorhanden. Der Bahntelegraf versagte, die hervorragenden Signalstationen ausser Betrieb. Vor und nach jeder Halte musste der Zug stoppen, um selbst die Weichenstellung zu besorgen. Wir hatten in den vier Tagen einen Zugzusammenstoss und drei Entgleisungen zu ertragen. Wenn wir mit leidlich heiler Haut in Sarykamisch wieder festen Fuss unter uns hatten, so brauchen wir dafür nicht dem Eisenbahnbetrieb zu danken. Er liess nichts unversucht, uns irgendwo abzustürzen. Meines Ermessens nach ist die so wichtige Bahn, falls nicht ein Wunder eintritt, schon heute nicht mehr betriebsfähig.

Längeren beinahe 24stündigen unfreundlichen Aufenthalt nahmen wir nur in Chorassan. Der Ort ist ausgebrannt. Viele Armenier vermochten die russische Grenze zu erreichen und in das Kaukasusgebiet überzutreten. Die Kultur der Menschheit hat in diesen Ländern eine Katastrophe erlebt, welche die Feder sich sträubt zu schildern. Im Laufe von mehr als drei Wochen legten wir annähernd 600 Kilometer zurück, einen Totenkorridor, wie er einzig in der Geschichte zu verzeichnen steht. Schon deshalb, weil dieser mit keinem Epiteton zu belegende Weg im Süden gegen Bitlis und Van und im Osten gegen Baiburt eine Fortsetzung mit den gleichen barbarischen Verwüstungen und bestialischen Massakres findet.

Ferne halte ich mich von der Formulierung einer Anklage oder Verteidigung. Das ist nicht meines Amtes. Eine nahe oder fernere Geschichtsschreibung wird diese Aufgabe übernehmen müssen. Ein Einzelner ist hierzu nicht imstande, möge er noch so tiefen Einblick zu gewinnen glauben und über sonstige Verhältnisse hinaus viel zu sehen im Stande sein. Das Geschaute jedoch in nüchterner Form ohne irgendwelche Uebertreibung, im Gegenteil, zu schildern, gebietet mir die Pflicht.



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