1918-10-18-DE-001
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Quelle: DE/PA-AA/R14104
Zentraljournal: 1918-A-44066
Erste Internetveröffentlichung: 2003 April
Edition: Genozid 1915/16
Praesentatsdatum: 10/19/1918 p.m.
Zustand: A
Letzte Änderung: 02/13/2015


Der Direktor der Orient- und Islam-Kommission des Deutschen Evangelischen Missions-Ausschusses Karl Axenfeld an das Auswärtige Amt

Schreiben



Berlin, den 18. Oktober 1918.

Anliegend überreiche ich im Einverständnis mit Herrn Botschaftsprediger Grafen von Lüttichau Abschrift seines uns erstatteten Berichts über seine Reisebeobachtungen bezüglich des armenischen Volkes vom Sommer 1918.

Zugleich erlaube ich mir zu besonderer Beachtung seine Ausführungen auf Seite 7 ff zu empfehlen. Es steht zu erwarten, dass die Entente, wenn Konstantinopel und die Türkei in ihrer Gewalt sein werden, alsbald nicht nur mit Maßnahmen und programmatischen Erklärungen zu Gunsten der Armenier heraustreten, sondern auch in Veröffentlichungen den Versuch machen wird, die Schuld für das Geschick des unglücklichen Volkes Deutschland aufzubürden. Es steht wohl auch außer Zweifel, daß dieser Versuch reichliche Unterstützung aus türkischen Kreisen erfahren wird, die, wie bisher schon (vergl. besonders in der Anlage Seite 8 unten ), gern die Verantwortung von sich auf den mächtigeren Ratgeber und Bundesgenossen abwälzen werden. Ich bitte dem gegenüber zum Ausdruck bringen zu dürfen, daß in unseren Kreisen der Wunsch besteht, es möchte die deutsche Regierung solchen neuen Angriffen auf die Ehre Deutschlands zuvorkommen, indem sie öffentlich, sobald es die Verhältnisse gestatten, den aktenmäßigen Nachweis ihrer fortgesetzten Bemühung um Verhütung und Linderung des Unglücks der Armenier, führt. Es sei hierzu auf meine Eingabe vom 9. d.M. verwiesen und dem ihr anliegenden Brief des Herrn Ernst J. Christoffel in Malatia, der auf Seite 3/4 ausführt. daß die allgemein verbreitete Ueberzeugung, Deutschland sei der geheime und hauptschuldige Uhrheber der Behandlung der Armenier, das schlimmste Hindernis aller christlichen Betätigung im Orient bildet, aber eben so sehr aller wirtschaftlichen und sonstigen kulturellen, die von deutscher Seite ausgeht. Wie auch das künftige Verhältnis Deutschlands zum nahen Orient sich gestalten mag, so ist uns eine öffentliche Ehrenrettung Deutschlands in dieser Hinsicht unerlässlich und dringlich. Ob es noch jetzt möglich ist, die türkische Regierung zu bewegen, daß sie in letzter Stunde durch eine öffentliche Kundgebung, die den Armeniern Sicherheit des Leibes und Lebens und Glaubens zuspricht, ihre Lage verbessere, vermögen wir nicht zu beurteilen.

Da zugleich mit der Beschuldigung Deutschlands auch uns deutschen Christen im Auslande allgemein der Vorwurf gemacht wird, wir seien in Kriegsverblendung und nationalem Egoismus teilnahmslos und träge an dem größten Christenmord aller Zeiten vorübergegangen, haben wir bereits eine Veröffentlichung vorgesehen, die unsere Stellung zu jenen Vorgängen und, was wir zu tun versuchten, rückhaltlos darlegen soll. Wir haben mit solcher Veröffentlichung bisher aus vaterländischer Rücksicht zurückgehalten, möchten aber, sobald die Schonung des deutsch-türkischen Bündnisses nicht mehr in Betracht kommt, nicht länger mehr mit ihr zögern, weil wir nicht länger diesen Fleck auf dem Ruf des deutschen Christennamens in aller Welt dulden können.


D. K. Axenfeld

Anlage

Das Armenische Volk.

Bericht des Pfarrers Grafen von Lüttichau über seine persönlichen Beobachtungen und Feststellungen im Sommer 1918.


Die Daten.

Auf meiner Reise nach dem Osten in den Monaten Mai bis August 1918 hielt ich mich dreimal in Aleppo auf und zwar im ganzen elf Tage. In Mardin war ich drei, in Diarbakir zwei, in Osmanie (Arghana) einen Tag, in Arghana Maden drei, in Mamuret-ul-Aziz sechs, in Malatia am Euphrat zehn Tage. Auf dieser Reise, und zwar nicht nur in Armenien selbst, auch sonst hatte ich viel Gelegenheit, mit solchen zu reden, die als Augen- und Ohrenzeugen die Katastrophe des armenischen Volkes miterlebt haben, die vor 3 1/2 Jahren begann und noch immer nicht völlig abgeschlossen ist.

Die Quellen.

Ich sprach Männer jeden Berufes und Standes, Offiziere und Soldaten, Missionare und Aerzte, vor allem den deutschen Konsul in Aleppo, Herrn Rössler, der sich durch sein eingehendes Studium der furchtbaren Tragödie ein hohes Verdienst erworben hat. Ich sprach Freunde und Feinde der Armenier, hervorragende Armenier selbst, so zum Beispiel den ehemaligen armenisch–katholischen Bischof von Erzerum, Monsignore Joseph Melchisedech, der in Malatia ein Sklavenleben führt, zwei protestantisch-armenische Geistliche in Mesere und andere, aber auch Türken, vor allem den ehemaligen Bürgermeister von Malatia, Mustafa Agha, einen Alttürken, und den ersten und bekanntesten mohammedanischen Geistlichen in Malatia, Fezi Hodscha, einen sehr intelligenten und klugen Mann. Das Urteil der regierenden jungtürkischen Kreise brauchte ich nicht erst zu erforschen, das war mir zur Genüge bekannt. Es war mir wichtig, dass ich feststellen konnte, dass die Ansicht aller dieser nach Rasse und Nationalität, Bildung und Stand so verschiedenen Männer, deren politische und religiöse Interessen so extrem wie nur möglich waren, in den wesentlichen Punkten übereinstimmten, und zwar sowohl was den Gang der Katastrophe selbst als auch was ihre ziffernmäßige Ausdehnung betrifft. Aus dem Grund wage ich es, mein eigenes Urteil, das ich mir bilden konnte, rückhaltlos mitzuteilen.

Der Umfang der Katastrophe.

Ob man die Gesamtverluste der Armenier auf eine Million (Konsul Rössler ) oder auf zwei Millionen (Christoffel ) beziffert, ist insofern ohne grösseren Belang, weil es eine authentische ziffernmässige Angabe über die Gesamtstärke der armenischen Bevölkerung sicherlich niemals gegeben hat. Die Zahl, die Prediger Ehmann in Mesere nannte – 11/2 Millionen – dürfte schätzungsweise der Wahrheit am nächsten kommen. Wichtiger aber als die Gesamtziffer, die sich schwer kontrollieren lässt, ist die prozentuale Feststellung in den einzelnen Gebieten. In den östlichen Provinzen, also mit Ausschluss von Konstantinopel und Smyrna und anderen Plätzen in der westlichen Türkei, sind von der Gesamtbevölkerung 80 - 90%, von der männlichen Bevölkerung 98% nicht mehr am Leben. Diese Ziffern dürften richtig sein. Sie lassen sich Ort für Ort nachprüfen und entsprechen meinen persönlichen Eindrücken und Beobachtungen. Ich bin vielen Knaben und etlichen Greisen begegnet. Männer in der Vollkraft der Jahre, die ich sehr selten sah, fielen durch ihr Dasein auf. In Konstantinopel selbst blieben die Armenier fast ganz verschont, ebenso in Smyrna. Dagegen wurden sie auch aus fast allen kleineren Städten und Dörfern in der westlichen Türkei (zum Beispiel Brussa, Ismidt, Ada-Bazar, Bardisag, Jenidje und anderen), in der europäischen Türkei aus Rodosto, Adrianopel und so weiter vertrieben, so dass man sagen darf, dass unter Berücksichtigung der in der Hauptstadt verbliebenen Armenier im ganzen mindestens 80% des Volkes vernichtet sind. Dabei sind nicht etwa die Katholiken und Protestanten aus-, sondern eingeschlossen.

Das Dekret zu Gunsten der Katholiken und Protestanten.

Das berühmte Dekret, das diese beiden Gruppen zu schonen befahl, ein Erfolg der diplomatischen Bemühungen des Heiligen Stuhls beziehungsweise des päpstlichen Delegaten in Konstantinopel und der Kaiserlich Deutschen Botschaft, wurde an vielen Orten, so zum Beispiel in Malatia, notorisch so lange festgehalten, bis auch diese beseitigt waren. Die Ausführung von Regierungsdekreten im Inneren ist ja völlig der Willkür und der Gewissenlosigkeit der Beamten preisgegeben. Eine spätere Kontrolle ist unmöglich. Das Dekret war wohl auch nicht ernst gemeint, sondern stellte eine Art Abfindung der lästig fallenden Querulanten dar nach Art des Bakschisch, ohne den der Orientale eben nicht existieren kann. Tatsache ist, dass auch Katholiken und Protestanten ganz namenlos gelitten haben. Die Zahl ihrer Märtyrer ist gross.

Die Geistlichen.

Was die Geistlichen anlangt, so sind sie fast völlig ausgerottet. Monsignore Melchisedech ist der einzige armenische Geistliche in Malatia. Dabei gehört er noch nicht einmal dorthin, sondern hatte seinen Sitz in Erzerum. In Karput und Mesere ist je ein protestantischer Geistlicher und meines Wissens zwei gänzlich untergeordnete gregorianische Priester, ferner ein Franziskanerpater armenischer Herkunft. In Diarbekir ist kein Geistlicher mehr, auch in Arabkir und so fort. Die wenigen aber, die übriggebliebenen sind, sind so zermürbt, so eingeschüchtert, zum Teil auch ihrer geistigen und geistlichen Kraft in einem Masse verlustig gegangen, dass sie für die Leitung des Volkes überhaut nicht mehr in Frage kommen.

Die Katastrophe setzt sich fort.

Die Zahl der Verluste ist noch nicht abgeschlossen. Zwar hat die Verfolgung offiziell ihr Ende gefunden, im einzelnen aber finden immer noch Hinrichtungen statt. Die Gefängnisse sind gefüllt. Auf dem Prozesswege werden mit Recht oder Unrecht viele zum Tode gebracht, während meines Aufenthalts in Mesere fast täglich ein oder zwei. Gründe sind ja leicht zu finden. Aber die Hinrichtungen sind das wenigste. Unendlich viele verhungern. In jeder Stadt des Ostens wiederholten sich die unerträglichen Bilder des Elends auf der Strasse, zumeist handelte es sich um die christliche Bevölkerung. So ist es zu erklären, dass durch die fruchtbare Not eine entsetzliche Stumpfheit, die nicht einmal mehr Fatalismus zu nennen ist, sondern der Verblödung nahe kommt, und infolge der andauernden Drangsalierung eine nervöse Spannung eingetreten ist, unter der die Unglücklichen heute fast noch mehr leiden als vor drei Jahren unter der Verfolgung selbst. Auch für diese krankhafte Nervosität habe ich allerorten erschütternde Beweise empfangen.

Die Zahl der Übriggebliebenen.

Wie hoch man die Zahl derer angeben soll, die von den Deportierten übriggeblieben sind, lässt sich schwer sagen. Am Ende des Jahres 1916 hat Konsul Rössler die Reste der aus den östlichen Provinzen Deportierten auf 100000 beziffert. Seitdem sind aber noch sehr viele getötet worden oder Hungers gestorben, so dass ihre Zahl heute erheblich geringer anzusetzen wäre. Es scheint mir, als wäre das zu schwarz gesehen. Man wird auch hier nur nach einzelnen Distrikten gehen können. Im Vilajet Bitlis sollen sogut wie keine Armenier übrig sein, im Vilajet Erzerum nur einzelne versprengte Gruppen. Von Van konnte ich nichts erfahren. In den Vilajets Diarbekir, Elaziz, Sivas sind je mindestens noch 10000 am Leben, in Malatia allein etwa 4000, am meisten wohl in Aleppo, in dessen Bezirk mindestens noch 20000 Armenier leben. Es leuchtet ein, das sie sich besonderes dort halten konnten, wo deutsche und amerikanische Missionen sind, so zum Beispiel in Sivas, Malatia, Mesere, Marasch, Aintab und so fort. In allen Städten fielen die armenischen Knaben auf, die sich hin und her nützlich machten und ein gänzlich verwildertes und verwahrlostes Dasein führen. Die Zahl der Waisenkinder, die in den türkischen Häusern untergebracht sind, lässt sich nicht abschätzen. Auch in den Gebirgen halten sich noch Versprengte auf.

Das Verhalten der Kurden.

Interessant ist, dass in dem Gebiet der Derssimkurden nicht nur die dort bereits ansässigen, in einer Art Hörigkeitsverhältnis stehenden Armenier geschont wurden, sondern dass gerade dieser Kurdenstamm, sicherlich nicht aus Liebe zu den Christen, sondern aus Hass gegen die Türken, grosse Scharen von Armeniern durch sein Gebiet sicher hindurch leitete und über die russische Grenze brachte. Allerdings hat jetzt leider dieses Entgegenkommen aufgehört, seitdem die Derssimleute nicht mehr die Russen als Deckung im Rücken haben und durch diplomatische, äusserst kluge Massnahmen des letzten Komandanten an der Kaukasusfront, Isset Pascha, der türkischen Regierung wieder gefügig wurden. In dem Gefühl eigener Unsicherheit und in der Angst vor den berüchtigten Strafexpeditionen, die frührer gegen sie unternommen wurden, liefern sie neuerdings auf Befehl der ottomanischen Regierung alle Armenier aus, die sich noch bei ihnen versteckt halten. Das hat natürlich sofort Hinrichtungen zur Folge. Etwa 500 Frauen und Kinder, die aus dem Derssimland kamen, befinden sich in Mesere. Mit ihrer loyalen Haltung den Verfolgten gegenüber stehen übrigens die Derssimleute nicht allein. In den wilden Gebirgen zwischen Malatia und Urfa zum Beispiel herrschte lange Zeit ein kurdischer Räuberhauptmann Boso, dem es ein Vergnügen war, wo er sie nur fassen konnte, türkische Offiziere und Soldaten auszuziehen und auf diese Weise armenische Familien zu unterhalten.

Das Verhalten der Alttürken.

Auch bei der alttürkischen Bevölkerung hat die Massnahme der Regierung höchsten Unwillen hervorgerufen. Mustafa Agha, der langjährige Bürgermeister von Malatia, hat selbst vielen Armeniern das Leben gerettet. Die eingesessene Bevölkerung war in keiner Weise fanatisch. Dass schliesslich auch aus ihrer Mitte viele mitgerissen wurden und, den niedrigsten Instinkten folgend, aus Habsucht und brutaler Gier an den Greueln sich beteiligten, ist begreiflich. Jeder armenische Mann war ja sozusagen ein wandelndes Golddepot, und jede armenische Frau preisgegeben, die grosse Masse vogelfrei. Kein Wunder, dass viele sich zu Dingen bewegen liessen, auf die sie sonst nicht gekommen wären.

Die Ursachen.

Damit komme ich zu den Ursachen. Es unterliegt für mich keinem Zweifel, dass ein Befehl von Stambul gegangen ist, nicht schriftlich oder auf dem Drahtwege, sondern mündlich durch Boten mit geheimen Aufträgen. So wurde es mir zum Beispiel in Malatia von Mustafa Agha erzählt, der jener berüchtigten Versammlung selber beigewohnt, in der ein Geheimbote aus Stambul den Befehl überbrachte, die Deportierten zu beseitigen. Die Verschickung war eine militärische Massnahme. Der Grund dieser Massnahme ist allen bekannt und durchaus gerechtfertigt. Aber die Vernichtung der Vertriebenen, die nur allzu gut und gründlich gelungen ist, war eine politische Massnahme der Regierung. Für mich steht das fester denn je. Der Zeitpunkt war so glücklich gewählt wie nur möglich. An den Dardanellen tobte der Kampf. Es ging um Sein oder Nichtsein, nicht nur für die Türken, auch für uns. Die deutsche Regierung, die gerade damals noch, solange der Weg über den Balkan nicht frei war, der Türkei gegenüber schwer verschuldet dastand, weil sie ihre Versprechungen nicht einlösen konnte, um derentwillen allein die Türkei in den Krieg ging, war an Händen und Füssen gebunden. Unsere Vertretung in Konstantinopel hat getan, was sie konnte - bis an die Grenze, ja über die Grenze des im nationalen Interesse Möglichen, um nicht zu sagen: Erlaubten hinaus. Die Türkei handelte mit vollem Bewusstsein, selbstherrlich, ohne sich um das Urteil von Freund und Feind zu kümmern, und führte aus, was Abdul Hamid schon wollte und damals nicht konnte. Ueberall auf meiner Reise habe ich die Erkenntnis gewonnen, dass es sich um ein ganz systematisches Verfahren handelte, eine Planmässigkeit, wie sie in dem Lande der Planlosigkeit umsomehr in Erstaunen setzt.

Deutschlands Schuld.

Nicht nur die Feinde, auch die breite Masse des Volkes belastet uns mit der Schuld, eine Bürde, an der wir noch lange schwer tragen werden. Der Glaube an unsere Schuld sitzt auch bei den Armeniern selbst so unausrottbar fest, dass man aus Zorn und Scham zugleich rot werden möchte. Wie konnte es dahin kommen? Dass wir mittelbar insofern die Schuld tragen, als wir die Türkei in den Krieg genötigt und damit die Situation geschaffen haben, in der das überhaupt nur möglich war, ist deutlich, fällt aber nicht ins Gewicht. Bedenklicher ist, dass leider zu wiederholten Malen höhere deutsche Offiziere, ohne sich der politischen Konsequenzen bewusst zu sein, ausschliesslich strategisch militärischen Gesichtspunkten stattgebend, Aeusserungen getan haben, die schweren Schaden anrichteten. Es ist sehr wohl möglich, dass solche Aeusserungen absichtlich provoziert und dann geflissentlich verbreitet wurden. Gerade darin ist der Türke ein Meister, wenn er einen braucht, der ihm die Verantwortlichkeit abnimmt und nach aussen als Sündenbock erscheint. Dass hier Fehler begangen worden sind, nicht aus böser Absicht, sondern aus mangelnder Einsicht, muss zugegeben werden. Im übrigen aber ist es mir zur Gewissheit geworden, was schon vorher meine Ueberzeugung war, dass die Parole "Deutschland will es" von den regierenden Kreisen selbst ausgegeben wurde. Von Ohrenzeugen wurde mir zum Beispiel in Malatia folgendes berichtet: Als der Abgeordnete von Malatia, Haschim Bey, im Spätherbst 1915 oder Frühjahr 1916 von seiner Sitzungsperiode in Konstantinopel nach Malatia zurückkehrte, versammelte er alle Notabeln der Stadt, um ihnen mitzuteilen, er sei selber dabei gewesen, wie eines Tages der deutsche Botschafter auf der Hohen Pforte erschienen wäre, um offiziell im Namen seiner Regierung der Kaiserlich osmanischen Regierung seine Glückwünsche auszusprechen zu der umfassend durchgeführten und glänzend gelungenen Ausrottung des armenischen Volkes. Eine solche Schamlosigkeit übersteigt alle Grenzen. Man muss bedenken, wie abgeschnitten von der Welt die Städte des Ostens sind. Man lebt in Malatia wie auf einer Insel des Stillen Ozeans. Selbst in den Tagen des Thronwechsels erfuhr man nichts Gewisses. Kein Kriegsbericht störte das friedliche Behagen der Besitzenden in jener reichen Gegend. Wenn da einer kommt, der auf seine Augen und Ohren hindeuten kann und einen Bericht aus Stambul bringt, so ist das ebenso wahr, als hätte der Prophet gesprochen. Hier liegt die Hauptschuld. Noch aber sind die Akten über die Katastrophe nicht geschlossen, und es ist dringend zu hoffen, dass auch wir noch einmal das Wort ergreifen. Deutschland hat allerdings lange genug und heftig genug protestiert - auf der Hohen Pforte, nicht aber in der Oeffentlichkeit. Es wird noch eine Stunde kommen müssen, in der das Versäumte nachgeholt wird, sonst würde am Ende der türkische Hauptmann, der zwischen Malatia und Sivas sitzt und sich peinlich genau chronikartig alles Schändliche notiert hat, was seine Landsleute vollbrachten, recht behalten mit seinem Wort: „Wenn die deutsche Regierung sich nicht noch reinigt von der Schmach, die auf ihr liegt, so muss ich sie noch mehr verachten als die unsrige.“ Er glaubt nicht an Deutschlands Schuld, hat aber ein starkes Empfinden für die Schande, die allein schon mit dem bösen Schein gegeben ist. Er hat sicherlich recht und eine Reinigung wird noch einmal kommen müssen, um unseres deutschen und um des Christennamens willen.

Die Rückkehr der Deportierten.

Neuerdings wurde eine Verordnung erlassen, dass die Deportierten wieder zurück dürften. Vorläufig hege ich noch starken Zweifel. Es wurde und wird diese Frage in den einzelnen Vilajets verschieden behandelt, wie ja überhaupt alles von den höheren Regierungsbeamten gänzlich willkürlich und ohne Konsequenz behandelt wird. An einzelnen Orten hatte man mit der Rückführung begonnen. Es hörte aber bald wieder auf. Heimlich hat besonders vom Süden, von Aleppo und Urfa her, eine ziemlich starke Rückwanderung in die alten Wohnstätten stattgefunden, obschon das allerstrengste Verbot besteht und die Armenier sich nicht von der Stelle rühren dürfen. Eigentlich wird überall das Gebot strikt durchgeführt. Es mag sein, dass der eine oder andere Beamte ein Auge zudrückt. Ob die neue Verordnung helfen wird, ist fraglich. Die Meinungen über die Möglichkeit der Rückkehr gehen auseinander. Die einen sagen: Wenn die Zentralregierung es veranlasst, werden die meisten ans Ziel kommen, zumal es sich fast nur um Frauen und Kinder handelt. Aber gerade darin liegt auch wieder die Schwierigkeit. Ich habe es mit eigenen Augen gesehen, wie die unglücklichen Mohadschirs, also Mohammedaner, die vor den Russen aus Erzerum und Erzindjian geflüchtet und zeitweise in der Gegend von Konia oder Angora angesiedelt waren, auf Veranlassung der Regierung jetzt wieder in ihre Heimat zurückkehrten und unterwegs zu Hunderten umkamen, weil sie kein Brot hatten. Wird es den Armeniern anders gehen? Aus diesem Grund werden sie, so sagen die anderen, obschon sie keine heissere Sehnsucht haben, als heimzukehren, in die Verordnung der Regierung ein starkes Misstrauen setzen und es sich hundertmal überlegen, falls nicht etwa eine internationale Mission mit der Ueberwachung oder gar Durchführung betraut werden sollte. Sie werden fürchten, dass man ihnen womöglich auch so noch den Rest geben wolle. Solang die türkische Regierung die Macht hat, wird sie sich aber eine fremde Einmischung energisch verbieten. „ Alle unsere Hoffnung setzen wir auf Deutschland, von der Türkei hoffen wir nichts“, so sagten zwei ältere Frauen aus Samsun, deren Männer und Söhne getötet sind, und die nun in Malatia mit ihren Töchtern in türkischen Lazaretten unter furchtbaren moralischen Gefahren Pflegedienste tun. Sie sehnen sich nach der Rückkehr, nicht nur aus wirtschaftlichen, viel mehr noch aus moralischen Gründen. Die moralische Gefahr ist überhaupt das Schlimmste von allem, und gerade in dieser Hinsicht schneidet sich die Türkei in ihr eigenes Fleisch, vielleicht mehr noch als sie es in wirtschaftlicher Hinsicht bereits getan hat. Es ist eine Unklugheit sondergleichen, die sich noch einmal schwer rächen wird, die Christen gewaltsam zu besitzlosen Proletariern zu machen. Die Türkei erzieht förmlich ein Proletariat, das, losgelöst von der eigenen Scholle, zu allen Gemeinheiten, die es nur gibt, fähig sein wird, nur um nicht zu verhungern. Dieses Proletariat wird sich vor allem in den Städten ansammeln, dort wird es wirken wie an vielen Orten die Juden in Europa, parasitenhaft, und aus ihm wird sich ein Verbrechertum rekrutieren. Auch aus diesem Grund wird Deutschland noch einmal das Wort ergreifen müssen, nicht nur um seiner selbst und um seines Namens willen, auch um der Türkei und um der Menschheit willen. Die moralische Not der Uebriggebliebenen schreit lauter zum Himmel als das Blut der Ermordeten.

Die Ansiedlungsfrage.

Eine Ansiedlung der Deportierten hat nirgends stattgefunden. So lautete wohl anfangs der humane Befehl, der aber nicht ernst gemeint und nicht ernst genommen wurde. Ein klassisches Beispiel ist das Schicksal der 30000, die auf ihrer Wüstenreise glücklich bis Dersor am unteren Euphrat kamen. Dort wollte sie der menschenfreundliche Mütessarif Ali Suad “befehlsgemäss“ ansiedeln. Die augenblickliche Folge war seine Abberufung, und ein Tscherkess kam an seine Stelle, der buchstäblich alle ausnahmslos in die Wüste führte und abschlachten liess.

Selbständige armenische Bezirke.

Daraus folgt nun auch, dass die türkische Regierung niemals zugeben wird, dass sich im türkischen Armenien wieder einzelne Bezirke mit überwiegender oder rein armenischer Bevölkerung bilden. Dass alte, ursprünglich armenische Vilajets etwa wiederhergestellt werden und dass damit durch lokale Abgrenzung den Resten des armenischen Volkes eine gewisse Selbstständigkeit des Lebens in ihrer Heimat gegeben wird, das ist völlig ausgeschlossen. Ein Mann wie der in Deutschland militärisch ausgebildete, perfekt deutsch sprechende jetzige Kommandant der 6. Armee in Mossul, Ali Issan, hat es unzählige Male geflissentlich vor deutschen Ohren ausgesprochen, dass er in den Grenzen seines Befehlsbereiches nicht dulden werde, dass ein Armenier am Leben bliebe. Deutschen Offizieren gegenüber rühmte er sich, mit eigener Hand Armenier getötet zu haben. Solange es solche Männer an maßgebender Stelle gibt, und solange solche Aeusserungen ungestraft fallen dürfen, ist an eine Selbständigkeit der Armenier in politischem Sinn innerhalb der Türkei nicht zu denken. Wohl kaum auch ausserhalb der Türkei. Das freie Armenien, das sich jetzt gebildet hat und wie eine vulkanische Insel in einem von unheimlichen Mächten erregten Meer aus der chaotischen Masse der Völker und Rassen in die Erscheinung getreten ist, ist, so wie es sich heute darstellt, unter keinen Umständen lebensfähig. Es wird nicht einmal diejenigen ernähren können, die heute dort wohnen, geschweige denn in der Lage sein, andere in seinen Grenzen aufzunehmen. Ein wirklich lebensfähiges Armenien an seiner Grenze wird aber der türkische Staat niemals dulden, und die Armenier werden niemals von der Türkei die Erlaubnis erhalten, hinüber zu wandern. In dieser Richtung gibt es keine Hoffnung.

Die Rückgabe des armenischen Besitzes an die Eigentümer.

Eine weitere ernste Frage ist die Zukunft des armenischen liegenden und beweglichen Vermögens. Werden die Deportierten, wenn sie nach Hause dürfen, ihr Eigentum wiedererhalten? Im Grunde handelt es sich dabei naturgemäss allein um Immobilien. Es wird auch dies sehr verschieden sein je nach den Bezirken. Die Türken sind Meister darin, wenigstens den Schein des Rechtes zu wahren. So hat zum Beispiel im allgemeinen eine Aufteilung der Felder nicht eigentlich stattgefunden. Emwal Mettrukke “zurückgebliebenes Eigentum“, so werden die Liegenschaften, Häuser, Felder einschliesslich Inventar bezeichnet. Man hat besondere Kommissionen eingesetzt (Emwal Mettrukke-Kommissionen oder auch Tasvieh Kommissionen), denen die Ordnung der Sache übertragen ist. Das Inventar wurde meist „verkauft“. Die Häuser aber, soweit sie nicht durch den Pöbel zerstört worden sind, wie das massenhaft geschehen ist, und Felder gelten als unveräusserlich und sind in den Händen der Regierung, die sie alle Jahre neu verpachtet. So verhütet man eine fremde Einmischung, vor der man sich doch wohl fürchtet. In den meisten Fällen kommt allerdings dieses Verfahren, das scheinbar den Eigentümern ihre Rechte wahrt, einer staatlichen Liquidation gleich. Was nun die Rückgabe an die früheren Besitzer betrifft, so hat an einzelnen Orten in vereinzelten Fällen eine solche bereits stattgefunden, ganz oder teilweise. Es wurde das aber immer nur auf Schleichwegen durch Bakschisch oder durch persönliche Beziehungen erreicht. Die ganze Frage kann nur auf gesetzlichem Wege geregelt werden. So besteht schon eine Verordnung, dass die Erben eines vor der Verschickung verstorbenen Armeniers jetzt ihr Erbteil antreten dürfen. Das sind natürlich nur vereinzelte Fälle. Immerhin wurden Prediger Christoffel etwa 5 oder 6 solcher Fälle bekannt, in denen die Erben tatsächlich nach Ueberwindung der üblichen Schikanen und unter Anwendung der bekannten Mittel zum Ziel gelangten. Aehnlich könnte die grosse Abrechnung im ganzen gesetzmässig erfolgen. Ein kleiner, wenn auch nicht gerade sehr sympathischer Trost bei der Frage ist, dass die Armenier an Schlauheit und Geriebenheit auch in diesen Dingen den Türken übertreffen und vielleicht auf ihre Weise rascher zum Ziel gelangen als durch offizielle Schritte Fremder. Deutschland aber wird seinen Einfluss auch hier geltend machen müssen, um eine gesetzliche Grundlage zu schaffen.

Die Rückkehr der Islamisierten zum Christentum.

Noch ernster ist das Problem der Rückkehr der zwangsweise Islamisierten zum Christentum. Wird eine solche Rückkehr gestattet werden, und wie soll sie sich vollziehen? Die Zahl der zum Islam Uebergetretenen ist in den verschiedenen Bezirken verschieden gross. In Mesere waren Uebertritte selten, dagegen sind die Leute zum Beispiel in Malatia und Sivas scharenweise übergetreten. In Malatia wird ihre Zahl auf 95 % beziffert. Wieder an anderen Orten, so in Mersivan, Tokat, Amasia, wollten die Armenier übertreten, es wurde aber nicht gestattet. Auch hier ist man ganz willkürlich verfahren. Die Türken haben mit ihren Opfern gespielt wie die Katze mit der Maus. Die Islamisierung war meist nicht ernst gemeint und oft nur ein Mittel zu umso gründlicherer Vernichtung. Entweder erregte das Angebot Misstrauen, die Leute besannen sich, ihr Besinnen wurde als Weigerung gedeutet und zum Anlass ihrer Hinrichtung gemacht, - oder aber sie stimmten zu, dann erlebten sie die grössten Schwierigkeiten, man setzte Zweifel in ihre Aufrichtigkeit oder überschüttete sie mit Hohn: Ihr seid nicht würdig Mohammedaner zu werden, und das Ende war dasselbe. Es ist gerade dies ein sehr schmerzliches Kapitel, zumal wenn man an die Kinder denkt, die in türkische Waisenhäuser über das ganze Reich verstreut wurden, und an die Mädchen, die in türkischen Harems sich befinden. Beide Gruppen werden niemals wieder zurückgeholt werden können. Unter den selbstständigen Erwachsenen lechzen die allermeisten förmlich nach einer Rückkehr zum Christentum. Ein schwerer Druck liegt auf ihrer Seele, ein unheimlicher Bann auf ihrem Gewissen. So erlebte ich es zum Beispiel bei der Witwe eines protestantischen Geistlichen aus Samsun, die, um ihre Kinder zu retten, zum Islam übertrat und augenblicklich die Gastlichkeit von Bethesda in Malatia geniesst. Wie soll all diesen Unglücklichen geholfen werden? Zu der wirtschaftlichen und moralischen Not kommt die religiöse Not. In den Jahren 1895, 96 wurde unter dem Druck der europäischen Mächte die Freiheit gegeben, zu der früheren Religion zurückzukehren. Viele, wenn nicht die meisten, sollen davon Gebrauch gemacht haben. Auch hier kann nur eine gesetzliche Bestimmung helfen, oder aber die Auswanderung nach Amerika.

Die jetzige Lage der Reste des Volkes.

Die Lage die übriggebliebenen Armenier ist demnach die denkbar traurigste. Sie haben alle Rechte verloren. Sie sind versklavt und werden Sklaven bleiben. Sie sind Heloten. Man hat sie als Ware behandelt, und sie müssen sich auch heute noch diese Behandlung gefallen lassen. Es wurde und wird auch heute noch einfach Menschenhandel mit ihnen getrieben. Mädchen und Kinder wurden verkauft. Eine Aenderung dieses trostlosen Zustandes ist nicht abzusehen. Sie sind auch selbst zu mürbe, zu stumpf und zu feige dazu. So steht es in politischer Hinsicht. Nicht besser ist es in kirchlicher Hinsicht. Auch hier ist aller geschichtlicher Zusammenhang heillos zerrissen. Der armenische Patriarch in Konstantinopel, der sämtliche osmanischen Armenier in öffentlichen Fragen der türkischen Regierung gegenüber vertrat, wurde in der Verfolgungszeit nach Bagdad verschickt. Gleichzeitig wurde ein Gesetz erlassen, dass der Patriarch fortan nicht mehr in Konstantinopel, sondern in Jerusalem seinen Sitz haben sollte. Damit ist er einfach zur Ohnmacht verdammt, denn er ist losgelöst von seiner Gemeinde. In Jerusalem gibt es keine Armenier, dafür sind aber die Engländer dort. Die kirchliche Einheit des Volkes ist dahin. Der Katholikos von Silizien, der seinen Sitz in Sis bei Adana hat, gebietet nur über eine Minderheit in den Bezirken Adana und Aleppo. Bei weitem die Mehrzahl der Armenier in den nördlichen Vilajets unterstehen in geistlichen Dingen dem Katholikos von Esmiadjin.

Das Volk ist vernichtet.

So ist also das Volk als Volk vernichtet. Ob es ihm einmal gelingen wird, mit seiner ihm innewohnenden Zähigkeit sich in die Höhe zu arbeiten? Ich glaube es kaum. Die Zähigkeit des Volkes ist allerdings staunenswert. Es steckt eine wirtschaftliche Kraft in den Leuten, die nicht genug bewundert werden kann. Ungezählte Knaben trifft man in Aleppo, in Mardin, in Karput, in Malatia und an anderen Orten, die, losgelöst von ihren Familien, von ihrer Heimat, auf ihre eigenen Füsse gestellt, durch Kleinverkauf sich auch wirklich durchschlagen oder aber als Lehrlinge bei türkischen Meistern sich verdingen, um durch ihre Gewandtheit und ihren Eifer oft sehr bald den Meister zu überflügeln. Unzählige aber verfallen auch rettungslos der Unzucht. Dem Volk als Volk wird nicht mehr zu helfen sein. Es ist zu Ende. Wie aber soll man die Reste schirmen? Es gibt wohl nur die eine radikale Lösung der armenischen Frage: die Auswanderung. Ob allerdings die Türkei die Erlaubnis geben wird, ist nicht sicher. Dazu kommt, dass auch die Armenier mächtig an der Scholle hängen. Vom wirtschaftlichen und missionarischen Standpunkt müsste man es bedauern, und doch stimme ich Prediger Ehmann bei, der da sagte: Man kann ihnen nur einen Rat geben: Wandert aus, und es ist unsere Pflicht, ihnen zur Auswanderung zu verhelfen. Das alles allerdings unter der Voraussetzung, dass die Türkei bleibt wie sie ist, und dass der Friedensschluss nicht etwa eine radikale Aenderung der politischen Verhältnisse des Orients herbeiführt.

Die Schuldfrage.

Es erübrigt sich fast, die Schuldfrage aufzuwerfen. Es handelt sich hier um Rassengegensätze und gewaltige geschichtliche Evolutionen, deren Zusammenhänge wir heute noch nicht durchschauen können. Dass die Armenier auch an ihrem Teil Schuld tragen, wird niemand leugnen. Zu einer gerechten Beurteilung muss man folgendes bedenken: Es ist in der Zeitung viel von Greueln gesagt worden, die von Armeniern an Mohammedanern verübt wurden. Solche Greuel sind vorgekommen. Wenn man auch hier im Orient jeder Quelle zunächst das grösste Misstrauen entgegenbringen muss, weil auf allen Seiten masslos gelogen wird und die orientalische Phantasie das Erstaunlichste leistet, so ist an dieser Tatsache doch nicht zu rütteln. Trotz ihrer 1500järigen christlichen Tradition ist der Kulturzustand der Armenier ein tiefstehender. Auch der Armenier ist zu Niedrigem fähig, besonders wenn er die Gewalt in den Händen hat. Auch er kann quälen. Unzählige Male hat ein Bruder den Bruder verraten. Man muss aber durchaus unterscheiden: die in den nördlichen, an der russisch-persischen Grenze gelegenen Vilajets wohnenden Armenier waren durchweg nach Russland hin orientiert und mehr oder minder ausnahmslos anarchistisch-nihilistisch durchsetzt und verseucht. Sie waren zu allen Grausamkeiten fähig und hatten auf dem Land sehr viel Aehnlichkeit mit den Kurden. Dagegen stehen auf einer kulturell völlig anderen Stufe die Armenier in den mittleren Vilajets, vor allem Sivas, Elaziz und Diarbekir. Sie waren nach dem Westen orientiert. Sie hatten im Laufe der Zeit alle kriegerischen Eigenschaften verloren, waren friedliche Handwerker und Bauern, die wirtschaftliche Kraft der reichen Provinzen, in denen sie wohnten, und dadurch niemals eine wirkliche Gefahr für die Türkei. Während jene erstere Gruppe auch wirtschaftlich auf Russland angewiesen war, so lebten diese letzteren von dem Osmanischen Boden, den sie zu einem ausserordentlichen Hochstand entwickelten und grosse Reichtümer entlockten. Gerade damit allerdings weckten sie Neid und Habsucht, und auch das trug mit zu ihrem Verhängnis bei.

Schlussbetrachtung.

Mit den Armeniern teilen das gleiche Los eigentlich alle Nichttürken im Osmanischen Reich: Die Syrer in Mesopotamien, die Drusen im Libanon, die Griechen an den Küsten, die Kurden in ihren herrlichen Bergen, ja sogar die Araber. Und auch damit sind wir noch nicht am Ende der Tragödie, die sich während des Krieges in diesem Lande abgespielt hat. Wer zählt die Hunderttausende von türkischen Soldaten und neuerdings auch von türkischen Auswanderern, die nicht durch eigentliche Kriegsursachen, sondern durch Gleichgültigkeit, Gewissenlosigkeit und Mangel an Ordnung zu Grunde gegangen sind und täglich noch zu Grunde gehen, obschon sie Mohammedaner sind? Es ist kein Land unter den kriegsführenden Mächten, das tatsächlich ziffernmässig, nicht etwa nur im Verhältnis, so furchtbare Menschenverluste erlitten hat wie die Türkei. Und noch ist kein Ende abzusehen. Dabei ist andererseits unter den kriegführenden Mächten kein Land auf dem Kontinent, das alles, buchstäblich alles, was zum Leben nötig ist an Rohstoffen und Nahrungsmitteln, in solchem Reichtum besitzt, dass es völlig selbstständig dastehen könnte, wie die Türkei. Gerade dieser Kontrast hat etwas Furchtbares. Der aufmerksame Beobachter kann ihn im kleinen in erschütternden Bildern alle Tage auf offener Strasse sehen.

Wann wird die Stunde der Erlösung schlagen, und wen wird der Meister der Geschichte würdigen, der Moses zu sein, der das geknechtete Volk aus der Knechtschaft zur Freiheit führt?



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