1916-11-05-DE-001
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Quelle: DE/PA-AA/R14094
Zentraljournal: 1916-A-31831
Erste Internetveröffentlichung: 2003 April
Edition: Genozid 1915/16
Laufende Botschafts/Konsulats-Nummer: K. No. 104/No. 3045
Zustand: A
Letzte Änderung: 03/23/2012


Der Konsul in Aleppo (Rößler) an den Reichskanzler (Bethmann Hollweg)

Bericht



K. No. 104 / No. 3045

Aleppo, den 5. November 1916

Im Anschluss an die Berichte vom 29. August No. 24631 und vom 20. September No. 2669 (K.No. 93)2
Euer Exzellenz beehre ich mich in den Anlagen die Erzählungen einiger dem Gemetzel am Khabur im August entronnener Armenier, nämlich des
Hosep Sarkissian aus Aintab,
des Manug Kyrmenikian aus Alabasch bei Marasch und
des Nasaret Muradian aus Zeitun
nach der Niederschrift der Schwester Beatrice Rohner einzureichen.

Die begleitenden Umstände und die sonst hier bekannt gewordenen Tatsachen sind derart, dass die Erzählungen als durchaus glaubwürdig erscheinen. Die beiden letzteren Berichterstatter sind der Schwester Rohner seit Jahren gut bekannt.

Die Vernichtungsaktion ist soweit hier bekannt, von dem Mutesarrif Zekki Bey, der übrigens wie heut hier verlautet nach Konstantinopel berufen ist, ohne besonderen Anlass eingeleitet worden. Leider haben dann Armenier selbst nachträglich ihre Lage noch verschlimmert.

Ein Armenier in Der Zor der sich bei der Verteilung der Hilfsgelder benachteiligt glaubte oder sich einen unlauteren Vorteil zu verschaffen suchte, hat von einem seiner Geld verteilenden Landsleute eine bestimmte Summe verlangt, widrigenfalls er die im geheimen betriebene Hilfsaktion der Regierung anzeigen werde. Dieses hat er wirklich getan, als ihm sein Verlangen abgeschlagen worden war. Der Mutesarrif erklärte darauf: „Wenn Geld verteilt worden ist, so muss es zum Waffenankauf geschehen sein (obwohl dies vollständig ausgeschlossen war). Also sind die Armenier Revolutionäre und müssen vernichtet werden“. Würde auch der Mutesarrif, wenn er nicht diesen willkommenen Vorwand ergriffen hätte, genau ebenso sein grausiges Werk fortgesetzt haben, so war dieser Zug doch zu erwähnen, weil eine Darstellung, die über ihn hinwegginge, nicht vollständig sein würde. Es ist nicht der einzige Fall, dass die Armenier über die Verteilung der Hilfsgelder unter einander in Streit geraten sind. Immer wieder haben einzelne Glieder des Volkes ihr Unverständnis dafür bewiesen, dass die Lage von ihnen verlangt, in keiner Weise die Aufmerksamkeit der Regierung auf sich zu ziehen. Als neulich ein für die Hilfsaktion in Biredjik gewonnener türkischer Muhammedaner von der Schwester gefragt wurde, ob er seine Arbeit fortsetzen könne, gab er die bezeichnende Antwort: „Solange es mir die Armenier nicht selbst unmöglich machen“. Sie verklagen sich gegenseitig vor ihm in unerhörter Weise. Auch solche, die nicht wissen, dass er für sie hülfreich tätig ist. Aus Rakka liegen ähnliche Berichte vor.

Hosep Sarkissian gibt (in Anlage I) die Zahl der im Juli und August umgebrachten auf über 150000 an. Nun besteht kein Zweifel, dass Hunderttausende in die Euphratgegend geschickt worden sind. Dass aber im Juli noch einhundertfünfzig tausend davon am Leben gewesen sein sollen, scheint mir zu hochgegriffen. Allerdings ist zu berücksichtigen, dass in der bisherigen Berichterstattung, welche 20 bis 30000 als im Juli August am Khabur gewaltsam getötet annahm, nur Der Zor in Betracht gezogen war, während nach der jetzt vorliegenden Darstellung auch alle Lager südlich davon, also Meyadin und Ana geräumt worden sind. Die Zahl der dort untergebracht gewesenen ist hier nie genau ermittelt worden, weil die Reisenden von Bagdad der Karawanenstrasse auf dem westlichen Euphratufer zu folgen pflegen, die Armenierlager dagegen auf dem östlichen Ufer ausser Sicht angelegt waren. Man wird daher wohl annehmen dürfen, dass die Zahl der im Juli August getöteten 30000 überschritten hat. Im übrigen ist daran festzuhalten, dass nach den Berichten Bernaus, der alle Lager nördlich Der Zor besucht hat, Ende August zwischen Meskene und Der Zor nur noch gegen fünfzehntausend Armenier vorhanden waren, und die Zahl in Der Zor und südlich nur noch verschwindend gering ist. Auch jene 15000 werden voraussichtlich rasch abnehmen.

Die Waisenkinder in Meskene, deren Zahl Anfang September noch 420 betrug, sind etwa am 21. September nach Hammam geschickt worden. Ein Deutscher, der am 29. September durch Hammam kam, hat dort noch nicht 200 in erbarmungswürdigstem Zustande ohne jeden Schutz im Freien liegend vorgefunden. Es ist kein Zweifel, dass sie alle dem Untergange geweiht sind. In Meskene waren, wie er festgestellt hat, keine von jenen mehr vorhanden.

Die Zahl der Kinder, die sich in Urfa wieder angesammelt haben, und von der Deutschen Orientmission unterstützt werden, beträgt 450, die der Witwen 60. Dort geschieht das Werk mit Wissen der Ortsregierung, die sogar selbst schon wieder dem Diakon Künzler Knaben zur Pflege zugeschickt hat. Allerdings muss die Unterstützung durch Unterbringung in syrischen Familien geschehen. Eine Aufnahme im Waisenhaus ist noch nicht wieder möglich. In Mossul sind die Verhältnisse schwieriger geworden. Dort verlangt die Regierung neuerdings, dass fremde Unterstützungsgelder durch ihre Vermittlung ausgezahlt werden.

In Rakka ist um den 5. Oktober ein kleineres Gemetzel vorgekommen, bei dem etwa 30 Armenier getötet worden sind.

In Marasch sind am 19. September wieder neue Ausweisungen erfolgt. Von den vielleicht 5000 Armeniern, die von ursprünglich 25000 noch verblieben waren, sind 120 Familien, meist schon in sehr mangelhaftem Ernährungszustand, verschickt worden, wobei wie üblich die Frauen und Kinder von den Männern getrennt wurden.

In Aleppo werden etwa seit Anfang August armenische Frauen mit Spinnen für die Heeresverwaltung beschäftigt und bekommen dafür täglich ihren Bedarf an Brot. Jede der einheimischen Kirchenverwaltungen hat solche Arbeitshäuser übernommen, sodass im ganzen etwa 4000 Frauen auf diese Weise vorläufig gerettet werden konnten, während in Waisenhäusern jetzt 1500 Kinder untergebracht sind.

Ueber die Zahl der gegenwärtig in Syrien und im Amtsbezirk dieses Konsulats noch vorhandenen Armenier wird mir das folgende bekannt:

In Marasch sind etwa 4500 unterstützungsbedürftige Maraschleute und nur wenige ...... von ausserhalb weil Zuzug verhindert wird.

In Aintab sind etwa 3800 Aintableute und 1200 Flüchtlinge in der Stadt sowie 3000 Flüchtlinge in mehr als 150 umliegenden Dörfern.

In Urfa sind etwa 700 Flüchtlinge, dagegen keine Urfaleute mehr.

In Biredjik und Djerablus 2000.

In Mossul 4000.

In Aleppo sind etwa 17220 auf der Unterstützungsliste einschliesslich der Waisen.

Am Euphrat zwischen Meskene und Der Zor 15000.

In Damaskus etwa 10000 von denen viele Muslims geworden sind.

Im Hauran und südlich davon etwa 30000.

In Hama und Selimiye 15000 sämtlich Muslims geworden.

In Summa [insgesamt]106420, wozu höchstens noch einige tausend nicht auf Unterstützung angewiesene in Aleppo, Marasch und Aintab kommen, und vielleicht einige tausend hier nicht bekannt gewordene. Rechnet man ferner die im Wilayet Adana noch vorhandenen, deren Zahl hier nicht bekannt ist, aber nur gering sein kann, die Zahl der in den armenischen und anatolischen Wilayets noch Zurückgebliebenen und Versprengten, ferner die über die russische Grenze gegangene und die Bevölkerung von Smyrna und Konstantinopel, so erhält man annähernd eine Vorstellung, wieviel von den Armeniern in der Türkei noch übrig geblieben sind. Auch wird der Tod unter den oben gezählten 106000 im Laufe dieses Winters sicherlich noch reiche Ernte halten.

Gleichen Bericht lasse ich der Kaiserlichen Botschaft zugehen.


Rößler

Anlage 1

Abschrift


Hosep Sarkissian aus Aintab war fast ein Jahr in Der Zor gewesen und hatte dort als Tagelöhner Arbeit gefunden. Der den Armeniern freundlich gesinnte Mutessarrif tat sein Möglichstes, den Deportierten zu helfen. Als er aber durch Zeki Bey ersetzt wurde, begann die Verschickung aufs neue. Er liess im Juli-August alle Deportierten aus Sabkha, Der Zor, Mejadin, Ana etc., über 150000 an der Zahl nach dem Dorfe Merad (Marrat) bringen, von dort wurden sie dann in Karawanen von 2 – 4000 und mehr weiter verschickt. Hoseps Karawane bestand aus ca. 1700 Personen. Nach mehrtägiger Wanderung lagerten sie am Ufer des Chabur, dessen Lauf sie gefolgt waren, bei Schidadie. Am nächsten Morgen kam eine Schar berittener Tscherkessen und umringte die Karawane – sie nahmen ihnen alles weg was sie noch bei sich führten und rissen ihnen die Kleider vom Leibe. Das Geld, Schmucksachen etc. behielten die Tscherkessen, die Kleider verteilten sie unter die in Scharen herbeigelaufenen Araber. Darauf wurde der ganze Haufe, Männer Frauen Kinder nackt weitergetrieben, drei Stunden weit, bis zum Karadagh, an dessen Nordseite auf einer von Hügeln umschlossenen Hochebene, wo halt gemacht wurde. Dort warfen sich die Tscherkessen zum zweiten Mal auf ihre Opfer, mit Beilen, Säbeln, Dolchen hieben sie in die Menge hinein, bis das Blut wie ein Strom floss und die ganze Ebene mit verstümmelten Leichen bedeckt war. Joseph sah, wie der Mutessarrif von Der Zor von einem Wagen aus alles beobachtete und durch lautes bravo rufen die Schlächter ermutigte; Soldatenwachen hatten die ganze Ebene umstellt. Hosep warf sich unter einen Leichenhaufen und hörte noch, wie der Anführer der Horde über das Totenfeld rief: Meine Lämmer, es ist Generalpardon vom Padischah da, wer noch lebt darf aufstehen! Als sich nichts mehr regte, nachdem das ganze Regiment mehrere Male über die Leichen geritten war, machten sich die Tscherkessen auf und davon. Nach drei Tagen krochen 31 noch lebende Menschen aus ihrem grausigen Versteck hervor. Noch drei Tage galt es zu wandern ohne Wasser und Brot bis zum Euphrat. Einer nach dem andern blieb ermattet liegen, nur Hosep gelang es endlich als Derwisch verkleidet, Aleppo zu erreichen.

Aleppo den 23. Oktober 1916

Anlage 2

Abschrift

Aussagen von Manuk Kyrmenikian aus Alabasch bei Marasch.


Als im Juli der neue Mutessarrif von Der Zor die Verschickung wieder aufnahm, wurde in Der Zor bekannt gemacht, dass, wer sich zum Militärdienst melde, angenommen werde und dass seine Familie in Der Zor bleiben dürfe. Etwa 2400 junge Männer, darunter auch ich und meine Freunde, stellten sich zur Verfügung, während alle anderen mit ihren Familien abtransportiert wurden. Fünf Tage waren wir in der Kaserne und mussten jeden Tag etwas exerzieren. Dann hiess es, am andern Tag sollte ein Teil aufbrechen, wir sollten nach Norden marschieren, Aleppo zu, um dann auf der Strecke Entili – Mamure, oder Gülek Boghaz Bozanti zu arbeiten. Ich selbst war mit meinen Freunden zum zweiten Trupp kommandiert und wir sollten zwei Tage später abgehen. Als unsre Kameraden sich zum Abmarsch rüsteten, kam plötzlich ein Bote mit der Nachricht, all unsre Frauen und Kinder seien im Begriff, verschickt zu werden. Als wir uns bei unseren Vorgesetzten beschweren wollten, wurden die Türen geschlossen, wir waren Gefangene. Erst nachdem die Unsrigen die Brücke überschritten hatten, bekamen wir die Erlaubnis ihnen nachzugehen, somit waren wir die Letzten die Der Zor verliessen. Nachdem wir 14 Tage gegenüber der Stadt am anderen Ufer kampiert hatten, brachte man uns zwei Stunden weiter südlich nach dem Dorfe Merad (Marrat), wo wir wieder mehrere Tage blieben. Wir waren mehrere tausend zusammengewürfelt aus den verschiedensten Teilen des Reiches. Endlich hiess man uns auch von da aufbrechen und langsam zogen wir in drei Tagesreisen dem Fluss Chabur entlang bis zu dem Ort Suwara (Sauar), wo wir wieder liegen blieben. Der Mudir, ein Tscherkesse liess die angesehensten Männer zu sich rufen und gebot ihnen, diejenigen Familien auszusuchen, die ohne die Hülfe des Staates in Anspruch zu nehmen, bis zum nächsten Sommer aus eigenen Mitteln leben könnten. Etwa 400 wurden als solche gemeldet und bekamen den Befehl, ihre Zelte dicht bei dem Orte aufzustellen, was auch sofort geschah. An die übrigen teilten Regierungsbeamte etwas Geld aus ehe sie weiter zogen. Sie hatten alle den Befehl zum Aufbruch bekommen und sich marschbereit gemacht, aber als die Hälfte unterwegs war, wurden die Uebrigen zurückgehalten und so kam es, dass manche Familie getrennt wurde. Wer beschreibt aber das Entsetzen der Zurückgebliebenen, als den nächsten und übernächsten Tag das Chaburwasser die Leichen ihrer Angehörigen heranspülte. Einem Mann gelang es, die Leiche seines Bruders ans Land zu ziehen und zu beerdigen. Als dann ein Ausrufer die Leute zum Aufbruch aufforderte wussten sie, was ihrer wartete. Ich selbst war mit meinen Freunden unter den 400 Familien der in Suwara niedergelassenen und wir machten Pläne, uns dort für den Winter Hütten zu bauen. Da liess der Mudir die leitenden Männer zu sich bitten und verlangte als Belohnung seiner ihnen erzeigten Güte zweitausend Pfund. Die hierauf veranstaltete Sammlung ergab 840 Pfund, sie wurden dem Mudir übergeben der mit dem Geld nach Der Zor ritt. Drei Tage später brachte er dasselbe zurück und händigte es den Gebern wieder aus. Den nächsten Tag verlangte er 10000 Pfund! Durch vieles Bitten und viele Tränen liess er sich für 2000 bestimmen. Jeder gab was er hatte und verkaufte die letzten Teppiche, Zelte, Betten, Schmuck etc. Zum Abend waren die 2000 zusammen. Der Mudir nahm das Geld gnädig an und bestellte zum nächsten Tag die leitenden Männer zu sich, um, wie er sagte, ihnen für ihre dem Roten Halbmond gegebene schöne Summe Quittungen zu geben. Aber die Männer wurden dort gefangen gehalten bis zum Aufbruch des ganzen Lagers, zu dem der Befehl gleich am andern Morgen gegeben wurde. Die Leute nahmen nur das allernötigste mit, viele versöhnten sich noch und nahmen Abschied von einander; sie wussten, es ging nun zum Sterben. Aber noch volle drei Tage liess man sie täglich 2 – 3 Stunden ziehen bis endlich am dritten Tag abends der Befehl erteilt wurde, die Leute aus Aintab, Hadschin und Albistan sollten am nächsten Morgen allein aufbrechen. Von ihrem Lagerplatz aus sahen die Zurückbleibenden wie etwa eine halbe Stunde entfernt am Abhang eines Hügels eine Menge mit allen möglichen Mordinstrumenten bewaffnete Tscherkessen und Araber die Karawane umstellte. Die Tiere wurden abgeladen und alles Hab und Gut auch alle Kleider bis auf die Leibwäsche in grossen Haufen aufgeschichtet. Die Tscherkessen nahmen das Beste für sich, beluden damit die Tiere und liessen sie forttreiben – über den Rest fielen die Araber her. Als dies erledigt war, wurden die Männer einzeln über den Hohlweg auf die andere Seite des Hügels geführt, die Frauen und Kinder unter 10 Jahren mussten nach der entgegengesetzten Richtung ans Ufer des Flusses gehen, wo sie ihrem Schicksal überlassen wurden. Am Abend kehrten die Tscherkessen ins Lager zurück. Einer von ihnen, dem einer der Armenier verschiedene wertvolle Besorgungen gemacht hatte, kam zu demselben, um ihn zu warnen und ihm zu raten, in der Nacht zu fliehen. Mit ihm stahlen sich gegen Mitternacht etwa 200 Männer aus dem Lager. Nach drei Tagen und drei Nächten mühevollen Marsches ohne Brot und ohne Wasser gelangte Manug mit 3 Freunden an den Euphrat, den sie durchschwammen.

Aleppo den 29. Oktober 1916

Anlage 3

Abschrift


Nasaret Muradian aus Zeitun bei Marasch erzählt: Ich bin mit der letzten Karawane von Merad (Marrat) nach Suvara (Sauar) gezogen; als ich von den Verhandlungen mit dem Mudir hörte, entschloss ich mich zur Flucht und es gelang mir am 3. Tag nach unsrer Ankunft zu entkommen. Während meines kurzen Aufenthaltes dort kamen 20 Verwundete an, die zu einer vorigen Karawane gehört hatten. Mehrere von ihnen waren von meinem Heimatsort Zeitun. Man hatte die Karawane, meistens Leute aus der Maraschgegend, ca. 15000 Menschen zählend, von Suwara nach Schidadie gebracht. Der Mutesarrif von Der Zor war ihnen gefolgt und hatte ca eine Stunde von ihrem Lager entfernt sein Zelt aufgeschlagen. Von da schickte er drei berittene Gendarmen mit dem Befehl, die Männer sollten sich von ihren Familien trennen, um ein besonderes Regiment Erdarbeiter zu bilden. Die Männer antworteten, sie wollten alle, mit Frau und Kindern gemeinsam Erdarbeiten verrichten, weigerten sich aber, einander zu verlassen. Beide Teile beharrten auf ihrer Forderung und als die Gendarmen anfingen, mit der Peitsche auf die Männer loszuschlagen, wurden sie von diesen festgehalten, ordentlich geprügelt und ohne Waffen fortgejagt. Nach wenigen Stunden kamen drei neue Gendarmen mit dem Befehl des Mutessarrif, die Waffen müssten sofort zurückgegeben werden, sonst seien alle des Todes. Die Leute hatten sowieso jede Hoffnung begraben und in dem Gedanken, sich noch etwas wehren zu können, schickten sie die Boten mit abschlägiger Antwort zurück. Darüber verging die Nacht. Am andern Morgen feiern die Leute ihren letzten Tag, sie beschenken die Armen mit dem Rest ihrer Nahrungsmittel und schlachten ihr Zugvieh zur allgemeinen Opfermahlzeit. Die Priester halten Gottesdienst und teilen das Abendmahl aus. Am Nachmittag kommen 200 Gendarmen mit Arabern und Tscherkessen und umzingeln das Lager. Sie feuern von allen Seiten auf die Menge. Diese setzt sich zunächst nicht zur Wehr – viele fallen. Als sie jedoch näher kommen, brauchen die Armenier die den Gendarmen abgenommenen Waffen. Die Gendarmen weichen, dringen aber wieder vor und werfen die Armenier zurück. Sie stellen sich dicht zusammen und lassen den Kugelregen über sich ergehen. Nach der Seite des Flusses lassen die Gendarmen einen Weg frei, viele suchen im Wasser den Tod, einigen gelingt es durchzuschwimmen und zu entkommen.

Aleppo den 30. Oktober 1916

1 A 25739.
2 A 28162.



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