1915-11-16-DE-002
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Quelle: DE/PA-AA/R14089
Zentraljournal: 1915-A-35047
Erste Internetveröffentlichung: 2000 März
Edition: Genozid 1915/16
Praesentatsdatum: 12/04/1015 p.m.
Laufende Botschafts/Konsulats-Nummer: K. No. 109/No. 2078
Zustand: A
Letzte Änderung: 04/22/2012


Der Konsul in Aleppo (Rößler) an den Reichskanzler (Bethmann Hollweg)

Bericht



K. No. 109 / No. 2078

Aleppo, den 16. November 1915

Euer Exzellenz ueberreiche ich gehorsamst in der Anlage den Bericht eines Deutschen, den ich kuerzlich aus dienstlichem, mit der Armenierfrage in keinerlei Zusammenhang stehenden Anlass nach Der-Zor zu entsenden hatte, ueber das Geschick der auf dem Wege dorthin wandernden oder am Ziel angelangten Armenier. Es sind Beobachtungen, die sich unterwegs aufgedraengt haben.

Oberstabsarzt Dr. Schacht, der auf dem Wege von hier nach Bagdad den Flussweg gewaehlt hat, schrieb mir am 3. November aus Der Zor: "Ich habe unterwegs viel Boeses gesehen. Es ist schon wahr, was man erzaehlt hat."

Die zu Lande nach Bagdad fuehrende Etappenstrasse von Aleppo nach Der Zor ist demnach durch Flecktyphus verseucht. Und das Gleiche muss wohl auch vom Wasserweg gelten.

Gleichen Bericht lasse ich der Kaiserlichen Botschaft zugehen.


Rößler

Anlage

Aleppo, den 11. November 1915.

Wanderung der Armenier nach Der-Zor.

Auf der Reise nach Der-Zor gelangt man notwendigerweise in Faehrten der ausgewiesenen Armenier. Schon Der Hafir zeigt die erste Spur: Frueher einen Kraemerladen, besitzt es jetzt deren drei, die einzig darauf ausgehen die Zwangslage der Armenier durch hohe Preise auszubeuten. (Ziegenfleisch 1 Okka 5-6 Piaster, Brot 4-5, Eier 10 Para u.s.w.) Diesem Unfug begegnet man bis Der Zor. Da tausende von Armeniern durch die Hans laengs der Bagdadstrasse wandern, sind die spaerlich eingerichteten Laeden die an Ware eigentlich fast gar nichts besitzen, saemtlich leer und der Verkaeufer findet fuer hohe Preise hungrige Kaeufer. An den Lagerplaetzen ist nur schlammreiches, durch Leichen, Mist und Fetzen verunreinigtes Euphratwasser zu haben. Fuer Zufuhr von Lebensmitteln ist bei den Transporten - obwohl Moeglichkeit vorhanden waere - nicht gesorgt. Wasserstellen mit abgestandenem, abgesetztem Wasser koennten ja ohne weiteres fuer den permanenten Durchzug errichtet werden. Die Verschickten muessen somit ausser ihren Lasten, Kindern, Kranken und Leiden auch Lebensmittel und selbst Wasser fuer lange Maersche mit sich schleppen. An manchen Stellen fehlt jedes Brennmaterial. Weit und breit in der Runde suchen die spaet abends eintreffenden Ankoemmlinge mit ihren erschoepften Kraeften, die nur muehsam auszureissenden Suesholzwurzeln als Feuerungsmaterial zusammen. All die Rastplaetze sind Monate hindurch durch Massen von menschlichen Exkrementen, Abfaellen, Fetzen und Mist in den abscheulichsten Zustand versetzt, der sich nicht aendern wird, als bis der letzte Trupp dahin sein duerfte. Die begangenen Wege laengs des Flusses und der Bagdadstrasse weisen nacheinander die Merkmale der Wanderung auf: Zurueckgelassene Wagen, von denen das Vieh einging; zerbrochene Wagen, Kleiderreste und Fetzen, die eben am Leibe nicht mehr zu haften vermoegen, Tierleichen und Menschenleichen in allen Stadien der Zersetzung. Nur gut die Natur mit ihren Aasfressern besorgt in sehr kurzer Zeit die Beseitigung dieser Kadaver. In Meskene fanden wir einen kleinen Trupp Zurueckgebliebener ... dabei ein sitzender Toter in Verwesung, eine sterbende Frau und 2 Kranke. Militaer und Lasttiere fuellten den Han und dessen schmutzige Umgebung und jedermann hatte andere Sorgen als diesen Ungluecksflecken zu reinigen.

Abu Hrere am Euphrat ... vor kurzem noch mit einem Handschi und einem Haendler versehen, ... derzeit ein riesiger menschlicher Duengerhaufen, 5 Tierleichen, Mist, Fetzen, Millionen Fliegen ... eine richtige Staette des Todes, dann stundenweit nur Wueste ... An dieser Ungluecksstaette sass verlassen ein abgehungertes Muetterlein. Die hellen blauen Augen, das blendend weisse Haar, die Gesichtszuege, verrieten ein besseres Einst ... alles zog weiter dahin ... sie jammerte irre nach den Kindern ... vielleicht ein Sonnenuntergang ... dann, dann ist sie ihrer Befreiung sicher. Wir liessen sie in den Han schaffen - eine menschenleere Miststaette mit 2 Soldaten sonst nichts. Hinter Abu Hrere wo der Weg durch die wasserleere Wueste zieht, fanden wir ausser zahlreichen Tierleichen und Fetzen von Kleidern 3 Knabenleichen, 1 Maenner und 1 Frauenleiche am Strassenrande.

Hamam ... besitzt zwei grosse Hans ... vermistet, 3 grosse Lager von Armeniern: a) Schiffer mit 7 Holzbooten, b) Fahrer mit ihrem Wagenpark, c) Fussgaenger in erbaermlichem Zustande mit den Resten ihres Hab's und Gutes. Vor Morgengrauen brachen sie wieder auf. ... 8 bis 900 Personen aus Antiochien, Setun, der Gegend von Marasch, Killis, Susli. Der Weg zweigte nach 3 Stunden hinter Hamam von unserer Strasse ab und naeherte sich wahrscheinlich dem Flussufer, waehrend die Strasse ueber die Wuestenklippen hinweg fuehrte.

Sabcha ... die erste Ansiedlerstation. Frueher einige hundert Einwohner, zaehlt derzeit 7000 Koepfe (Aussage des Nahié Mudir's). Zwischen den felsigen Abstuerzen der Wueste und dem Flusslaufe liegt der Ort ... am Flussufer der alte Teil mit einigen Hausgaerten ... dem Bergruecken zu vergroessert sich nun die Niederlassung ... in schnurgeraden, rechtwinklig angelegten Gassen; Tausende von Haenden schaffen in regstem Eifer; lange Zeilen von Bruchsteinen lagern dort ... ueber 100 neue Haeuser stehen. In kurzer Zeit sollen noch 250 Haeuser fertig sein. Im Juli und August kamen die ersten Ansiedler von Setun an. Viele wohnen noch in gemieteten Haeusern, (3-4 Medjidie Miete) die meisten noch in Zeltlagern und in Hoefen. Die Behoerde gibt den Baugrund und gestattet Steine zu brechen. Brot und Mehl wird in kaum genuegendem Masse verabreicht, worueber Klagen wahrgenommen wurden. Von den Ansiedlern ist eine Schmiede, ein Fleischverkauf, 1 Klempner und 2-3 Kraemerlaeden eingerichtet. Durch Krankheit gehen viele Armenier zu grunde. Die Zeltlagerer zum Selbstschutz getrieben, stossen die Kranken - meist Frauen - aus dem Lager und uebergeben sie der Natur. Ohne Nahrung, ohne Arzt, ohne Pflege, liegen sie wimmernd, Brot bittend, bis ein guetiges Geschick sie sterben laesst ... (cirka 40 schrecklich entstellte Personen.) Gegenueber der Ueberfahrtsstelle zaehlte ich 12 angeschwemmte Leichen, deren entsetzlicher Gestank keine einzige Seele zu einem Begraebnis aufzuruetteln vermag. Nach Aussage des Gemeindevorstehers kommen noch viele tausende von "Ansiedlern", das heisst wie der Herr woertlich sagte: "Wir lassen sie kommen! Um das Land zu kultivieren." Fluss auf- und Abwaerts ist allerdings fuer die Ueberlebenden ein furchtbares Terrain. Aerztliche Hilfe ist dort unbedingt notwendig.

Hauptsiedelungsplatz ist Der Zor. Schon die Einfahrt zeigte sofort die Hauptbeschaeftigung der Ansiedler: Totenbegraben, stumpfes Hinbrueten, muehevolles krankes halbtotes Dahinschreiten. Der Zor selbst ist eine nicht unschoene Stadt, mit schoenen breiten Strassen. Frueher 14000 Einwohner, derzeit 25-30000. Fuer die riesige angestaute Menschenmenge ist keine organisatorische Regelung vorhanden. Keine genuegende Menge von Nahrungsmitteln (stundenlang sind die Baecker ohne Brot), eine Dampfmuehle klappert unzureichend Tag und Nacht, Mangel an Brot und Gemuese wurde festgestellt. 3 Spitaeler sind voll gepfropft mit ueber tausend Kranken. 1 Gemeindearzt, 1 Regierungsarzt, Apotheke fast leer. Der Gemeindearzt verliess eben die Stadt auf einige Tage fuer eine Dienstreise, die Sterblichkeit betraegt taeglich 150-200 Koepfe (Worte des Gemeindearztes). Nur so ist es moeglich, dass immer noch Tausende von Ansiedlern zugeschafft werden koennen. Oberhalb und unterhalb der Stadt grosses Zeltlager. Am linken Flussufer neben der Schiffsbruecke lagert in ortsueblichen Laubhuetten eine Unmasse von Sterbenden. Sie sind die Vergessenen deren einziger Befreier der Tod ist.

Kein sprachlicher Gedankenausdruck vermag auch nur annaehernd die Wirklichkeit dieses menschlichen Elends zu schildern, so unbeschreiblich sind dort die Vorkommnisse. Und immer wieder ergaenzt sich der Unglueckshaufen. Nach Aussage von anderen Fussgaengern liegen dann weiter weg hunderte von weggeschleppten unbeerdigten Leichen! Der diensttuende Gendarm antwortet mir: "Was soll man machen? Sie sterben alle von selbst."

Die Behoerden reinigen taeglich sorgfaeltig alle Winkel und Strassen, bauen neue Wohnviertel wie in Sabcha, verteilen Geld unter die Leute, sowie Brot und Mehl und doch ist mit Ausnahmen der Tod dem Leben vorzuziehen. Wie in Sabcha, so ist auch in Der Zor jede andere menschliche Niederlassung viele Stunden weit entfernt ... Wuestenrand.

Von den Arabern werden die Armenier mit Steinen beworfen, geschlagen, verspottet und ausgelacht, wie wir selbst Beispiele sahen.

Beispiel: In Maden am Euphrat trieben am Ufer drei Leichen, die Araber warfen Steine danach, spuckten darauf und lachten dazu. (Eine Leiche mit abgeschlagenem Kopfe.)

Waehrend unseres Aufenthaltes verbot die Polizei mehreren Armeniern sich an uns zu wenden und mit uns zu sprechen (dazu ist die Regierung da, nicht die Deutschen!)

Was fuer die Ueberlebenden an Arbeit vorhanden ist: Ackerbau und Gartenbau laengs des Flusses, wo allerdings fruchtbarer Boden vorhanden ist, Handwerk und wenig Handel.


Unterschrift

[Zimmermann an Botschaft Konstantinopel (Nr. 947) 10.12.1915]

Euerer Exzellenz Ermessen darf ich ergebenst anheimstellen, ob es sich empfiehlt, auch den vom Kaiserlichen Konsul in Aleppo unter dem 16.v.M., Nr. 2078 eingereichten Bericht eines Deutschen über das Schicksal der nach Der-Zor verschickten Armenier zur Kenntnis der türkischen Regierung zu bringen und den Inhalt zu erneuten Vorstellungen im Interesse der Armenier zu benutzen.



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