1915-11-08-DE-001
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Quelle: DE/PA-AA/R14089
Zentraljournal: 1915-A-35045
Erste Internetveröffentlichung: 2000 März
Edition: Genozid 1915/16
Praesentatsdatum: 12/04/1915 p.m.
Laufende Botschafts/Konsulats-Nummer: K.No. 103/B.No. 2511
Zustand: A
Letzte Änderung: 04/22/2012


Der Konsul in Aleppo (Rößler) an den Reichskanzler (Bethmann Hollweg)

Bericht



K.No. 103 / B.No. 2511

Aleppo, den 8. November 1915

Die Verschickung der Armenier ist um die Mitte Oktober zu einem gewissen Höhepunkt gelangt, sodass ihre Ausdehnung zu überblicken und der Moment geeignet war, einen zusammenfassenden Ueberblick zu geben. Herr Vizekonsul Hoffmann hat sich mit meinem Einverständnis an die Arbeit gemacht und wird sie von Alexandrette aus nach Fertigstellung absenden. Es schien mir nicht unerwünscht, dass sich von hiesiger Stelle aus auch ein anderer Beobachter neben mir äusserte. Ich fahre meinerseits in der Schilderung einiger Ereignisse fort und darf eine allgemeine Bemerkung vorausschicken: Ranke sagt in seiner Weltgeschichte bei Besprechung der Politik Karls des Grossen gegen die Sachsen: "Man dürfte nicht leugnen, dass die Strenge der Gesetze einen Widerstand gegen dieselben hervorrufen musste. In Verwicklungen dieser Art tritt das immer ein. Die Massregeln die man ergreift um den Ausbruch der Opposition zu verhüten sind geeignet, denselben zu erwecken."

Dieser Satz dürfte zutreffen auf die Politik der türkischen Regierung die seit den Massakres des Jahres 1895 von Schwankungen abgesehen im grossen und ganzen gegenüber den Armeniern verfolgt worden ist. Er dürfte insbesondere auch auf die letzten Ereignisse zutreffen. Die Regierung hat Vorbeugungsmassregeln von einer in der Geschichte selten vorkommenden Härte gegen die Armenier ergriffen und hat dadurch Widerstand an drei verschiedenen Stellen hervorgerufen, in Fundadjak, in Suediye und in Urfa. Ueber Fundadjak habe ich früher berichtet. Die Kämpfe in Suediye (von 4 Dörfern aus der Nähe Antiochiens) haben damit geendet, dass die Aufständischen sich in einer versteckten Bucht, gedeckt durch das Feuer eines feindlichen Kriegsschiffs mit Frauen und Kindern in einer Seelenzahl, die von armenischer Seite auf 6000 angegeben wird, an Bord eingeschifft haben. Rechnet man bei dieser ländlichen Bevölkerung den sehr hohen Prozentsatz von 10 % als waffenfähig, so käme man auf 600 Mann, die nun möglicherweise zum Waffendienst in einem uns feindlichen Heer herangezogen werden. Trotz dieser Tatsache und trotz der schliesslich bewerkstelligten Verbindung mit einem feindlichen Kreuzer, liegt kein Beweis dafür vor, dass der Bezirk von vornherein an Aufstand gedacht hat. Er ist vielmehr durch die drohende Verschickung zum Widerstand getrieben worden.

Auch für den Armenieraufstand in Urfa ist es nicht erforderlich, Einwirkung von aussen anzunehmen. Von Wan und Diarbekr zugewanderte mögen geschürt und sich an die Spitze gestellt haben, es genügte aber, dass die Urfaleute die Vorbeugungsmassregeln der Regierung, die Verschickung und den damit verbundenen Untergang ihres Volkes und jedes einzelnen vor Augen hatten, um den Entschluss des Widerstandes hervorzurufen. Der Ausbruch des Kampfes ist dann durch die Schuld der Armenier selbst herbeigeführt worden. Im Einzelnen haben sich die Ereignisse etwa folgendermassen abgespielt, wobei ich dem Major Grafen Wolffskeel folge, der den General Fakhri Pascha zur Niederschlagung des Aufstandes nach Urfa begleitet hat.

Nach der am 19. August erfolgten Niederschiessung einer Patrouille und dem sich daran anschliessenden Massaker ist nichts weiter erfolgt, nicht einmal eine Untersuchung gegen die Mörder der Patrouille. Ende September ereignete sich wieder eine Schiesserei im Armenierviertel, von welcher nichts weiter bekannt geworden ist, auch nicht, gegen wen sie gerichtet war. Als am nächsten Tage die Regierung eine Gendarmeriepatrouille aussandte, um den Vorfall zu untersuchen, wurde diese z.T. niedergeschossen. Die Armenier verbarrikadierten darauf ihren Stadtteil. Er wurde zunächst von den in Urfa vorhandenen etwa 60 oder 80 Gendarmen umstellt. In den ersten Oktobertagen traf ein Bataillon ein, am 4. Oktober Fakhri Pascha mit Graf Wolffskeel, am 5. Oktober ein zweites Bataillon mit 2 Feldgeschützen. Eine Aufforderung zur Uebergabe lehnten die Armenier, unter denen die Zahl der Verteidiger auf etwa 2000 geschätzt wird, ab. Am 6. Oktober begann der Kampf, der sich vornehmlich auf drei Verteidigungsstellungen richtete. Die enge und winklige Bauart der Stadt Urfa, deren Häuser aus Stein sind und vielfach über alten Höhlenwohnungen stehen, von den Armeniern auch mit Geschick zur Verteidigung eingerichtet waren, erschwerte die Eroberung. Die Armenier waren mit Gewehren bewaffnet und mit Handgranaten versehen, zu deren Herstellung wohl beim Bau der Bagdadbahn gestohlenes Dynamit gedient haben wird. Dagegen waren sie nicht, wie fälschlich behauptet worden ist, im Besitz russischer oder anderer Maschinengewehre. Am 12. Oktober wurde noch ein drittes Bataillon mit zwei 12 cm Haubitzen hinzugezogen. Am 14. Oktober wurde die Kirche gestürmt, am 15. die amerikanische Mission, welche gegen den Willen des Missionars Leslie von den Armeniern besetzt und als ein starkes Gebäude zu einem Hauptstützpunkt eingerichtet war. Leslie war von den Armeniern als Geisel zurückbehalten worden, in der Hoffnung, dass auf ein Gebäude in dem er sich befände, nicht geschossen werden würde. Die türkische Aufforderung, ihn gehen zu lassen, lehnten sie ab. Er wurde erst von den erobernden Truppen befreit. Mit der Erstürmung der Kirche und der Mission war der Widerstand gebrochen. Die türkischen Verluste betrugen 50 Tote und 120 bis 130 Verwundete. Die Absuchung der Höhlen und Brunnen kostete dann noch einer Anzahl Soldaten durch vereinzelte Schüsse versteckter Verteidiger das Leben. Kriegsgerichtliche Untersuchung ist eröffnet. Eine Kommission wird über weitere Massregeln gegen die Armenier Urfas beschliessen.

Die Verschickungen gehen im übrigen in der durchgreifendsten Weise und mit dem schrecklichsten Ergebnis weiter. Hunger und Seuchen treiben dem Tode reiche Beute zu. Die Sterblichkeit unter den Vertriebenen ist in der Stadt Aleppo ausserordentlich gross. Dabei fehlten bis zum Eintreffen Djemal Paschas, von dem weiter unten zu berichten sein wird, die notwendigsten sanitären Anordnungen. Etwa Mitte Oktober wurde ein neuer Begräbnisplatz ausserhalb der Stadt bestimmt. Ehe aber alles so weit war, dass dort mit der Beerdigung begonnen werden konnte, wurden die Leichen bereits haufenweis abgeladen und lagen einige Tage unter freiem Himmel. Unter diesen Umständen kann man sich nicht wundern, dass der Flecktyphus auf die Stadtbewohner übergegriffen hat und eine allgemeine heftige Epidemie ausgebrochen ist. Die Zahl der täglichen Todesfälle wird auf 150 bis 200 angegeben.

Zufällig habe ich kürzlich selbst von einer Strasse die die Vertriebenen ziehen, einen Eindruck erhalten. Zwischen dem Afrin und Aleppo, also auf einer Länge von etwa 60 km sah ich am 21. Oktober unmittelbar an der Strasse 4 Leichen liegen, zwei davon bereits von Tieren halb gefressen. Als ich nach dem Anblick der ersten dieser Leichen an den ersten Khan kam und den Besitzer aufforderte, Leute gegen Bezahlung zur Beerdigung auszuschicken, lächelte er, tat aber was ich wünschte. Als ich ihn fragte, warum er gelächelt, sagte er: "Wenn Du wünschest, lasse ich diese Leiche beerdigen. Warum legst Du aber gerade auf diese eine so viel Wert? Wenn Du wüsstest, wieviel hier in jeder Bodenfalte liegen, so würdest Du darauf verzichten, gerade die eine begraben zu lassen, die vom Wege aus sichtbar ist." Wenn dies an der vielbegangenen Alexandretter Chaussee sich ereignet, ohne dass die vorübergehenden Soldaten und Gendarmen Meldung erstatten, so liegt der Schluss nahe, dass es auf den weniger begangenen Strassen des Innern nicht besser aussehen wird. Die zahlreichen die Luft verpestenden Tierkadaver habe ich noch nicht erwähnt. Das Konzentrationslager bei Katma bot einen unbeschreiblichen Anblick mangelnder hygienischer Fürsorge. Die Wandernden waren in allen Stadien der Ernährung und Rüstigkeit, von barfusslaufenden dem Hungertode nahen, sich mühsam hinschleppenden oder verzweifelt und stumpf am Weg sitzenden, bis zu solchen die noch unversehrtes Schuhwerk besassen oder mit einigem Hausrat auf Karren fuhren. Dabei erklären sich die Unterschiede aus der Länge der bis dahin zurückgelegten Strecken.

Die Zustände sind derart geworden, dass die Etappenstrasse von Bozanti nach Aleppo verseucht ist und dass es dem Obersten Herrn Freiherrn von Kress gelungen ist, durch den Hinweis auf die militärische Wichtigkeit hygienischer Massregeln für die Etappen, den Oberkommandierenden der 4. Armee Djemal Pascha zu einem Besuch Aleppo's zu veranlassen. Ehe er kam, hatte Djemal Pascha auf telegraphische Anfrage über den Gesundheitszustand vom Chef der Etappeninspektion Weli Pascha die Antwort erhalten, es gäbe einige Fälle von Dysenterie, aber keine ansteckende Krankheit. Erst als bei Djemal Pascha die Meldung aus Rayak eintraf, dass in einem Zuge aus Aleppo drei Leichen gefunden seien, hat er sich zur Reise entschlossen.

Hier hat er jetzt energische Massregeln angeordnet. Die Anzeigepflicht ist eingeführt. Hospitäler werden eingerichtet. Transportwagen für die Ueberführung der Kranken sollen bereitgestellt werden. Die Stadt ist in Bezirke geteilt, für welche je ein Arzt die Aufsicht übernimmt, mit dem Recht, Häuser zu besuchen. Der Reinigungsdienst für die Stadt wird neu organisiert.

Die Befehle sind gegeben und es handelt sich jetzt um die Ausführung. Ein deutscher Hygieniker, Militärarzt, ist erbeten worden.

Bei der Wichtigkeit der hiesigen Gegenden, aus denen Armeen je nach dem Irak oder nach Aegypten zu entsenden sind, muss der Bekämpfung der Seuche auch weiterhin die ernsteste Aufmerksamkeit gewidmet werden. Die Persönlichkeit des Freiherrn von Kress bürgt dafür, dass das mögliche geschehen wird.

Gleichen Bericht lasse ich der Kaiserlichen Botschaft in Konstantinopel zugehen.


Rößler


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