1913-10-14-DE-001
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Quelle: DE/PA-AA/R 14082
Zentraljournal: 1913-A-20677
Erste Internetveröffentlichung: 2017 November
Edition: Armenische Reformen
Telegramm-Abgang: 10/14/1913 10:00 PM
Telegramm-Ankunft: 10/15/1913 05:40 AM
Praesentatsdatum: 10/15/1913 p.m.
Laufende Botschafts/Konsulats-Nummer: Nr. 601
Zustand: A
Letzte Änderung: 11/19/2017


Der Botschafter in Konstantinopel (Wangenheim) an das Auswärtige Amt

Telegraphischer Bericht


Constantinopel, den 14. Oktober 1913

Im Anschluß an Telegramm Nr. 579.1

Bezüglich des deutsch-russischen Projekts, welches dem Großwesir kürzlich überreicht worden war, sagte mir dieser heute, dass auch nach diesem Vorschlag die Generalinspektoren als Delegierte der Mächte erschienen, an welche die Türkei gewisse Souveränitätsrechte abzutreten habe. Es solle eine rein politische, nicht aber die administrative Frage, um die es sich bei den Reformen ausschliesslich handle, aufgeworfen werden. Bei einem Konflikt zwischen Generalinspektor und Pforte würden sich die Mächte oder einzelne derselben hinter den Generalinspektor stellen. Europa wolle sich also auf Umwegen das Recht der Intervention sichern. Speziell Rußland beabsichtige, im Schafpelz in Armenien einzuziehen, um später dort als Wolf hausen zu können. Da die Privilegierung Armeniens ähnliche Ansprüche anderer Provinzen zur Folge haben würde, so bedeute sie den Anfang der Aufteilung. Nach der Auffassung der Pforte und seiner Partei müssten die Generalinspektoren türkische Beamte bleiben und im Falle eines Konflikts von der Pforte abgesetzt werden können. Die Reformen seien eine rein türkische Angelegenheit. Die Mächte seien befugt, die Reformen zu kontrollieren, nicht aber sie kraft eigenen Rechts einzuführen. Zum erstenmal, seitdem das türkische Reich bestehe, habe die Pforte den ehrlichen Willen zu erkennen gegeben, mit europäischer Hilfe zu reformieren. Anstatt aber die während des Balkankriegs feierlich zugesagte Hilfe zu leisten, hätten die Mächte aus gegenseitiger Eifersucht bisher nicht erlaubt, daß fremde Beamte als Reformer angestellt würden. An politischen Gründen solle also das Reformwerk scheitern, damit Rußland unter der Eskorte der übrigen Mächte in Armenien festen Fuß fassen könne. Falls die Mächte unter den türkischen Bedingungen keine Reformer stellen wollten, so werde er sich bemühen, unter Umgehung der Regierungen Reformer zu engagieren, und falls auch dieser Versuch mißlinge, türkische Generalinspektoren ernennen. Während der Schneezeit werde in Armenien sowieso keine Revolution ausbrechen. Bis zum Frühjahr hoffe er die Reformen bereits so weit gefördert zu haben, dass in Armenien Ruhe eintrete.

Ich habe dem Großwesir erwidert, es berühre mich peinlich, dass sein anfängliches Entgegenkommen sich nunmehr in das Gegenteil verwandelt zu haben schiene. Wenn ich auch nicht bestreiten wolle, dass die Ernennung selbständiger Generalinspektoren der Pforte gewisse innere Schwierigkeiten bereiten könne, so erschienen mir doch die Gefahren aus einer rein negativen Haltung die grösseren. Durch Deutschlands Vermittlung und Eingreifen sei das Projekt Mandelstam auf ein Minimum reduziert worden. Auf letzteres hätten sich aber sämtliche Mächte geeinigt, sodass die Türkei jetzt dem geschlossenen Europa gegenüberstehe. Rußland selbst habe sich überraschend konziliant erwiesen. Aus diesem Entgegenkommen und der türkischen Intransigenz könne es im Falle von Unruhen in Armenien leicht die moralische Berechtigung herleiten, dort Ordnung zu stiften. Ausserdem verhandele die Pforte gegenwärtig mit den Mächten wegen der vierprozentigen Zollerhöhung. Es sei zu befürchten, dass eine oder die andere Macht ihre Zustimmung dazu von der vorherigen Regelung der armenischen Frage abhängig mache. Ohne Zollerhöhung sei aber keine Anleihe und ohne Anleihe keine Reformaktion möglich.

Auf meine schliessliche Frage, ob ich die Äusserungen des Großwesirs als eine definitive Ablehnung unseres Vorschlags aufzufassen hätte, erwiderte mir Großwesir: "Non! Nous nous trouvons dans la première phase des discussions. J'ai seulement voulu vous répéter ce que j'ai dit hier à Monsieur de Giers .


Wangenheim
[Antwort Zimmermann 15. 10. (Nr. 344)]

Auf Tel.Nr. 601.

Mit E. E. Sprache einverstanden. Bitte weiterhin betonen, daß ablehnende Haltung eigensten Interessen der Pforte direkt zuwiderläuft.



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