1913-10-23-DE-001
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Quelle: DE/PA-AA/R 14082
Zentraljournal: 1913-A-21242
Erste Internetveröffentlichung: 2017 November
Edition: Armenische Reformen
Telegramm-Abgang: 10/23/1913 09:20 PM
Telegramm-Ankunft: 10/24/1913 02:21 AM
Praesentatsdatum: 10/24/1913 a.m.
Laufende Botschafts/Konsulats-Nummer: Nr. 613
Zustand: A
Letzte Änderung: 11/19/2017


Der Botschafter in Konstantinopel (Wangenheim) an das Auswärtige Amt

Telegraphischer Bericht


Konstantinopel, den 23. Oktober 1913

Antwort auf Telegramm Nr. 352.1

Herr Sazonow hat in Berlin schon über die letzten Unterredungen Herrn von Giers' mit dem Großwesir und Djavid unterrichtet sein müssen, nach welchen die Türkei es nunmehr kategorisch ablehnt sich irgendwelcher Souveränsrechte zugunsten von mit der Zustimmung der Mächte ernannten Generalinspekteuren zu entäußern. Rußlands Absicht könnte womöglich sein, uns für die so gut wie verlorene Sache vorzuschieben, deren Odium wir dann gleichzeitig Russen, Türken und Armeniern gegenüber zu tragen hätten. Ich gedenke daher, die mir zugedachte Führung erst dann zu übernehmen, wenn Großwesir seine Ablehnung Herrn von Giers und mir gegenüber schriftlich begründet hat. Was wir dann später noch etwa von der Pforte erreichen würden, hätten Rußland und Armenier ausschließlich uns zu danken. Meine Hoffnung auf Einlenken der Pforte schwindet indes täglich mehr. Die Schwierigkeit liegt darin, daß wir nicht mit Sultan oder einer Persönlichkeit von überragendem Prestige wie Mahmud Schefket zu verhandeln haben, sondern mit dem Komitee, d.h. einer Gruppe, in welcher Ideen, aber keine Persönlichkeiten regieren. Der leitende Gedanke im Komitee ist gegenwärtig, die Türkei lieber zugrunde gehen zu lassen, als sie noch weiter unter der politischen Kontrolle der Mächte zu belassen. Selbst der versöhnliche, besonnene und von seinen Parteigenossen geschätzte Großwesir hat sich der herrschenden Strömung schließlich allmählich unterwerfen müssen, obwohl er die Gefahr der türkischen Intransigenz vollkommen erkennt. Erschwerend für die Verhandlungen wirkt die Niederlage des europäischen Konzerts in der Frage von Adrianopel, die Annäherung an Bulgarien, der Triumph der türkischen Zähigkeit in den Verhandlungen mit Griechenland und der Umstand, daß mehrere Mächte, darunter Rußland, gegenwärtig mit der Türkei Spezialabkommen treffen und deshalb es mit ihr nicht verderben wollen. Selbst Herrn von Giers' Haltung ist von Tag zu Tage versöhnlicher geworden. Neuerdings will er sogar türkische Generalinspekteure und Mitwirkung der Pforte bei Absetzung der Generalinspekteure konzedieren. Ich habe öfter den Eindruck, als ob Rußland nur nach einem Wege suchte, um aus der Sache herauszukommen. Auch Frankreich ist neuerdings viel weniger empressiert, während England schweigt, Italien und Österreich aber erkennen zu geben scheinen, daß sie nicht mehr verlangen, als die Türkei selbst konzedieren würde. Aus alledem muß die Pforte die Überzeugung gewinnen, daß sie auch in diesem Falle nicht viel riskiert, wenn sie sich dem angeblich einigen Europa widersetzt.


Wangenheim

1 A 21151 [Dok. 1913-10-22-DE-001].



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