1913-09-08-DE-001
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Quelle: DE/PA-AA/R 14081
Zentraljournal: 1913-A-18309
Erste Internetveröffentlichung: 2017 November
Edition: Armenische Reformen
Telegramm-Abgang: 09/08/1913 11:55 PM
Telegramm-Ankunft: 09/09/1913 12:14 PM
Praesentatsdatum: 09/09/1913 p.m.
Laufende Botschafts/Konsulats-Nummer: Nr. 515
Zustand: A
Letzte Änderung: 11/19/2017


Der Botschafter in Konstantinopel (Wangenheim) an das Auswärtige Amt

Telegraphischer Bericht


Konstantinopel, den 8. September 1913

Die Verhandlungen zwischen Schönberg und Mandelstam sind vorläufig ins Stocken gekommen, weil Rußland nur in einem einzigen Punkt nachgegeben hat, indem es die Forderung einer einheitlichen armenischen Provinz fallen ließ. Mandelstam verlangt aber dagegen, daß die Terraineinteilung in eine nördliche und eine südliche Zone umgeworfen und daß statt dessen ein Ost und Westsektor geschaffen würde. Die Grenze zwischen beiden soll eine Linie sein, die von der Küste des Schwarzen Meeres zwischen Kerasund und Tireboli direkt nach Süden verläuft. Der leicht zu durchschauende ...1 Rußlands ist, zunächst einen östlichen, ausschließlich unter russischem Einflußstehenden Sektor zu schaffen und damit uns aus dem Gebiet von Diarbekr auszuschließen. Da unser Interesse die Beibehaltung der türkischen Präfekturen erheischt, deren gemeinsame Grenzlinie ungefähr als die nördliche Grenze unserer Arbeitszone ...2 kann, hat Schönberg den M'schen Vorschlag nicht akzeptieren können.

Ursache der russischen Forderung, daß die zwei General-Gouverneure mit Zustimmung der Mächte ernannt werden, könnten zur Folge haben, daß beide Posten Russen oder von Rußland abhängigen Kleinstaatlern wie in Persien übertragen werden. Herr von Giers hat die hiesigen Verhandlungen mit der Erklärung eingeleitet, daß er vorzugsweise die Führung in der Angelegenheit für sich beanspruche. Dringt er mit seinem Programm durch, so wird ihm auch in der Personenfrage so leicht keine Macht entgegentreten.

Das Resultat wäre die Schaffung einer tatsächlichen Herrschaft Rußlands über Gebiete, die teilweise zu unserer Arbeitszone gehören. Unserer öffentlichen Meinung gegenüber wäre es kaum vertretbar, wenn wir unsere Kraft zur Kreierung einer russischen Interessensphäre einsetzten und damit zu einer einseitigen Lösung des Teilungsproblems beitrügen. Ein besonderes Regime für Cilicien, wie es Rußland anbietet, würde unsere Ansprüche nicht annähernd befriedigen.

Meinen früheren Ausführungen über das Beamtenernennungsrecht der General-Gouverneure habe ich nichts hinzuzufügen.

Von meinen Kollegen spricht sich der Österreicher entschieden gegen jede Konzession an das russische Programm aus. Italienischer Botschafter teilt vollkommen meine Auffassung. Herr Bompard bezeichnete mir gestern das ganze Projekt als absurd, fügte aber hinzu, daß seine Regierung durch Bündnisrücksichten gebunden sei und irgendeine Verständigung wünsche. Aus den Worten Bompards konnte ich die Befriedigung heraushören, daß Frankreich die Bekämpfung des Projekts durch andere Mächte abgenommen wird. Englischer Geschäftsträger ist für das russische Projekt, was nicht in Einklang zu bringen ist mit den hier bekannt gewordenen Äußerungen Sir E. Greys.

Soweit ich aus der Haltung meiner Kollegen schließen kann, wird sich weder eine Einigung der Mächte über das russische Projekt noch über etwaige Zwangsmaßregeln gegen die Türkei erzielen lassen. Ganz bestimmt und in jedem Falle wird der Vorschlag der Mächte von der Pforte abgelehnt werden. Großwesir hat darüber erst heute unzweideutige Erklärungen auch anderen Botschaftern abgegeben. Wenn wir uns also dem russischen Vorgehen anschließen, so müssen wir darauf gefaßt sein, das Projekt Ma. eventuell auch gegen unsere Bundesgenossen mit Gewalt hier vertreten oder wenigstens einem Einmarsch der Russen in Armenien zustimmen zu müssen.

Rußland sind von uns während der bisherigen Beratungen die weitgehendsten Konzessionen gemacht worden. Ich bin dabei im Interesse unserer Beziehungen zu Rußland so weit gegangen, als ich es mit den mir anvertrauten Interessen nur irgend vereinbaren konnte. Rußland hat aber an seinem ausschließlich russischen Interessen dienenden und die Türkei ebenso wie die deutsche Stellung hier schwer bedrohenden Programm keinen wesentlichen Punkt geändert. Meine Bemühungen, die Armenier und die Türken zusammenzuführen, werden dadurch erschwert, daß Herr von Giers den Armeniern ihr im Jahre 1908 mit Rußland geschlossenes Abkommen, welches die Regelung der armenischen Frage in die Hände Rußlands legt, ins Gedächtnis gerufen hat und ihnen gedroht hat, Rußland werde sich für einen Abfall an den russischen Armeniern rächen.

Aus alledem habe ich den bestimmten Eindruck gewonnen, daß Rußland entweder die armenische Frage in spezifisch russischem Sinne lösen oder die Reformen zum Scheitern bringen will.

Gegenwärtig ist Rußland bemüht, uns vorzuschieben. Herr von Giers sagt mir, daß, wenn Deutschland und Rußland einig wären, die Bundesgenossen folgen müßten. Ich halte aber eine entscheidende Erklärung Deutschlands, bevor die anderen Mächte gesprochen haben, für höchst bedenklich. Lehnen wir ab, so wird Rußland uns den Armeniern gegenüber als das Hindernis ihrer Bestrebungen hinstellen. Stimmen wir zu, so werden Herr von Giers und auch andere Kollegen schon am nächsten Tage in den türkischen Zeitungen verkündigen lassen, daß Deutschland sich von der Türkei abgewandt habe. Mir scheint es daher dringend geboten, die russische Anfrage in dem von mir vorgeschlagenen Sinne zu beantworten, mindestens aber über die Antwort und die daraus sich ergebenden weittragenden Konsequenzen mit unseren Bundesgenossen uns zu verständigen. Was Österreich und Italien, die an dem Fortbestehen der Türkei mehr interessiert sind als wir, annehmen, können auch wir akzeptieren.


[Wangenheim]

1 Gruppe fehlt.

2 Gruppe fehlt.



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