1913-11-21-DE-003
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Quelle: DE/PA-AA/R 14082
Zentraljournal: 1913-A-23448
Erste Internetveröffentlichung: 2017 November
Edition: Armenische Reformen
Praesentatsdatum: 11/25/1913 a.m.
Laufende Botschafts/Konsulats-Nummer: Nr. 335
Zustand: A
Letzte Änderung: 11/19/2017


Der Botschafter in Konstantinopel (Wangenheim) an den Reichskanzler (Bethmann Hollweg)

Bericht


Pera, den 21. November 1913

Oberst Djemal Bey, der Referent und die ausschlaggebende Persönlichkeit des Komitees "Union et Progrès" in allen armenischen Fragen, dinierte gestern auf der Kaiserlichen Botschaft. Nach Tische redete er mich auf das Reformprojekt an. Seine Auslassungen waren schwer mit der bisherigen versöhnlichen Haltung des Großwesirs in Einklang zu bringen. Djemal meinte, daß seine Partei die europäische Intervention, auch wenn sie nur in versteckter Form wie bei der Bestellung von Beratern der Generalinspekteure durch die Mächte zum Ausdruck komme, entschieden ablehne. Dagegen sei das Komitee durchaus bereit, europäischen Generalinspekteuren, welche die Türkei selbst gewählt habe, eine vollkommene administrative Unabhängigkeit zu konzedieren und dieselben mit allen Gerechtsamen auszustatten, welche die Mächte jetzt für die europäischen Berater verlangten. In ihr souveränes Recht, ihre Beamten selbst zu ernennen, werde sie sich aber durch keine Macht, auch nicht durch die Gesamtheit der Mächte hineinreden lassen. Außerdem würde ein Generalinspekteur oder Berater, welcher als Organ der Mächte erschiene, sofort die gesamte muselmanische Bevölkerung gegen sich haben, woran das ganze Reformwerk Schiffbruch leiden würde.

Auf meine Bemerkung, daßer sich früher viel weniger intransigent gezeigt habe, erwiderte Djemal, daß sich inzwischen die Lage bedeutend verändert habe. Die Erwartungen, welche die Bevölkerung an die Leistungen des Komitees knüpfe, seien nach den diplomatischen Erfolgen der Türkei bei den letzten Friedensschlüssen bedeutend gestiegen. Die Enttäuschung dieser Hoffnungen würde sich bei den bevorstehenden Wahlen geltend machen und das Komitee vielleicht in die Minorität bringen. Dann sei seine Partei vor die Alternative gestellt, entweder eine Gewaltherrschaft einzurichten oder das Land einer vollkommenen Anarchie zu überlassen, da eine andere regierungsfähige Partei nicht vorhanden sei. Bis vor kurzem habe das Komitee noch an die Ehrlichkeit Rußlands in der armenischen Frage deshalb geglaubt, weil Deutschland sich an Rußlands Seite gestellt habe. Inzwischen seien aber seiner Partei über die wahren Absichten Rußlands die Augen aufgegangen. Nach dem Attentat gegen Machmud Schefket habe er außer den kompromittierten Ententisten auch einige Leute seiner Partei nach Sinope verbannt, die dort Spionendienste geleistet hätten. Von einem dieser Vertrauensleute sei ihm nun vor einigen Wochen gemeldet worden, daß er nebst fünf anderen Verbannten mit dem russischen Konsul eine Zusammenkunft gehabt habe. Von dem Konsul sei ihnen eröffnet worden, daß Herr v. Giers ihn beauftragt habe, die Korrespondenz der Verbannten mit ihren auswärtigen Freunden zu vermitteln. Die Antworten der letzteren müßten in Kuverten, die durch besondere Buchstaben gekennzeichnet seien, an das Konsulat adressiert werden. Durch die Spione sei ein Teil der auf die geschilderte Weise entstandenen Korrespondenz in seinen Besitz gelangt. Darunter befänden sich verschiedene Briefe, welche der bekannte, zum Tode verurteilte Agitator Scherif Pascha von Paris nach Sinope gerichtet habe. Vor einigen Tagen sei es dem Konsul sogar gelungen, einem der Exilierten zur Flucht zu verhelfen. Wegen aller dieser Vorgänge habe er Herrn Mandelstam zur Rede gestellt, von welchem die Schuld auf den Konsul abgewälzt worden sei. Selbstverständlich werde er sich damit nicht zufrieden geben, sondern zu dem geeigneten Momente die Berichte seiner Vertrauensleute und die beschlagnahmten Dokumente in der Presse veröffentlichen. Jedenfalls stände es nach dem Vorgefallenen für seine Partei fest, daß die freundliche Haltung, welche Herr v. Giers gegenwärtig seiner Partei gegenüber zur Schau trage, nichts als Heuchelei sei. Rußland betrachte das Komitee als seinen Gegner und arbeite mit verwerflichen Mitteln an seinem Sturz. Es sei deshalb begreiflich, wenn das Komitee den russischen Reformvorschlägen nunmehr mit dem äußersten Mißtrauen gegenüberstehe.

Bei den Verhandlungen mit dem Großvezier, die morgen fortgesetzt werden sollen, wird es sich bald herausstellen, ob die Besorgnisse Djemals sich inzwischen auch der Regierung mitgeteilt haben. Einige erregte Äußerungen des Großveziers zu Markgraf Pallavicini lassen dies befürchten.

Soeben berichtet mir Herr von Tyszka über Äußerungen, welche der Direktor der Politischen Abteilung im Ministerium des Äußern Salih Bey ihm gegenüber in einer vertraulichen Unterredung über Djemal Bey getan hat:

"Die Militärdiktatur ist schon da. Djemal Bey ordnet an, und die anderen gehorchen. Djemal ist sehr fähig und wie Talaat außerordentlich energisch. Aber nicht Talaat ist der Diktator, sondern Djemal Bey.

Die Kiamil Pascha und Gabriel Noradunghian, der zitternd zu den Botschaftern lief und um Schiffe bat, da die Bulgaren in Konstantinopel einrücken würden, wären nie zum Vormarsch der Armee entschlossen gewesen, wie es Djemal und Talaat waren. Wenn auch Not am Mann ist, so weit darf ein Minister des Äußern nie gehen. Ein solches Dementi darf er sich nie geben ...

Die Furcht, die früher war, nur ja keinem Christen ein Haar krümmen, lieber alle Türken opfern, gibt es jetzt nicht mehr. Die Zeit ist jetzt vorbei. Dschemal und Talaat wollen und handeln auch. Ich bewundere sie doch."

Tyszka fügt dem hinzu: "Dieses letzte Geständnis trotz aller Ausstellungen eines so vortrefflichen, ehrlichen Mannes wie Salih Bey ist sehr bezeichnend. Das System wird verurteilt, die Erfolge werden aber bewundert."


Wangenheim



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