1913-04-22-DE-001
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Quelle: DE/PA-AA/R 14078
Erste Internetveröffentlichung: 2003 April
Edition: Genozid 1915/16; Armenische Reformen
Laufende Botschafts/Konsulats-Nummer: Nr. 369
Zustand: A
Letzte Änderung: 11/19/2017


Der Staatssekretär des Auswärtigen Amts (Jagow) an den Botschafter in Konstantinopel (Wangenheim)

Erlaß



Nr. 369

Berlin, den 22. April 1913

Auf den Bericht Nr. 58 vom 24. 2. d. J [Dok. 1913-02-24-DE-001].

Ew. pp. und dem Großwesir kann ich nur darin beipflichten daß es nach dem Zusammenbruch der europäischen Türkei eine wichtige Aufgabe der türkischen Regierung sein wird, das armenische Element durch wirksame Reformen und Heranziehung zur lokalen Verwaltung für die praktische Mitarbeit am Wiederaufbau des Reiches in Asien zu gewinnen [vergl. Dok. 1913-03-05-DE-001].Da uns die Erhaltung und Konsolidierung der asiatischen Türkei ebenso am Herzen liegt wie den Machthabern am Goldenen Horn, erheischt es unsere eigenstes Interesse, der Pforte bei der Erfüllung dieser Aufgabe behilflich zu sein. Das Recht und die Pflicht hierzu gibt uns Art. 61 des Berliner Vertrages, der die Pforte zur Einführung von Reformen in den armenischen Provinzen anhält und den Mächten ein Überwachungsrecht einräumt.

Getreu unserer bisherigen Politik, werden wir es uns indessen versagen müssen, in der armenischen Frage die Führung zu ergreifen. Wir würden hierdurch das Mißtrauen der Entente-Mächte erregen und uns in Gegensatz zu Rußland bringen, ohne der armenischen Sache zu nützen. Gemeinsam mit den übrigen Mächten werden wir der türkichen Regierung bei der Ausarbeitung des Reformprojekts gern mit Rat und Tat zur Seite stehen, auf eine besondere Beraterrolle werden wir im Allgemeinen besser verzichten.

Mit Ew. pp. halte ich es für erwünscht, daß die Ksl. Vertretungen in der Türkei den armenischen Angelegenheiten dauernd ihre Aufmerksamkeit schenken und der Ksl. Botschaft über alle Wahrnehmungen fortlaufend berichten. Dagegen würde es mir bedenklich erscheinen, unsere Konsuln mit der Wahrnehmung und dem Schutz armenischer Interessen zu betrauen. Denn die Uebernahme eines derartigen Patronats birgt die Gefahr, dass wir uns zwischen zwei Stühle setzen und das Gegenteil der beabsichtigten Wirkung erzielen: die Türkei würde sich versucht fühlen, uns für die Sünden der radikalen armenischen Elemente verantwortlich zu machen, während unsere Schutzbefohlenen geneigt sein würden, es uns entgelten zu lassen, wenn wir in Constantinopel ihre oft utopischen Prätentionen nicht durchsetzen.

Auch bei der Beeinflussung unserer Presse zugunsten der armenischen Bewegung dürfte Vorsicht geboten sein.

Der Ausbau des deutschen Schulwesens in Anatolien und die Vermehrung unserer Konsulate daselbst erscheint dagegen auch mir erwünscht. Von meiner Bereitwilligkeit, der Gründung einer Schule in Adana näher zu treten, sind Ew. pp. anderweit unterrichtet. Vorschlägen über event. weitere Schulgründungen werde ich gern entgegensehen. Hierbei wird bei der Beschränktheit unserer Mittel die Bedürfnis- und Kostenfrage natürlich eine sorgfältige Prüfung u. Berücksichtigung erfordern. Mit der Einrichtung einer konsularischen Vertretung in Erzerum bin ich grundsätzlich gleichfalls einverstanden. Auch wäre ich nicht abgeneigt, die Neuschaffung eines weiteren Konsulats in Anatolien ins Auge zu fassen. Wegen des dafür in Aussicht zu nehmenden Ortes darf ich einem baldgefälligen Vorschlage Ew. E. erg. entgegensehen.


J[agow]
[Notiz Rosenberg 27.4.]

Auszug von "Der Ausbau des deutschen Schulwesens ... bis ... erg. entgegensehen" mit Über- und Unterschrift wird bei Abt. I B und III erg. vorgelegt.




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