1915-06-29-DE-002
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Quelle: DE/PA-AA/R14086
Zentraljournal: 1915-A-22125
Erste Internetveröffentlichung: 2003 April
Edition: Genozid 1915/16
Praesentatsdatum: 07/23/1915 p.m.
Laufende Botschafts/Konsulats-Nummer: K. No. 67/No. 1382
Zustand: A
Letzte Änderung: 03/23/2012


Der Konsul in Aleppo (Rößler) an den Reichskanzler (Bethmann Hollweg)

Bericht



K. No. 67 / No. 1382
Aleppo, den 29. Juni 1915
Euer Exzellenz überreiche ich gehorsamst in der Anlage in Abschrift einen Brief des Diakons Künzler vom 20.d.M. und einen Brief der Missionarin Karen Jeppe der Deutschen Orient Mission an meine Frau vom 18.d.M. Beide handeln über Zustände in Urfa oder im weiteren Innern und sind mir durch Boten überbracht worden.

Herr Künzler, der sich nach schwerer Krankheit in einem Weinberge ausserhalb der Stadt Urfa aufhielt und nur gelegentlich in die Stadt hereinkam, hat von dort seine Aufmerksamkeit hauptsächlich auf die armenischen Angelegenheiten gerichtet.

Ueber einen Kurdenaufstand im Norden von Urfa liegt nur die Nachricht von Fräulein Jeppe vor. Sie ist wohl zunächst nur dahin zu verstehen, dass die tscherkessischen Freiwilligen, die als Regierungstruppen gelten, gegen ihre Plünderungen die Abwehr der Kurden herausgefordert haben, so dass die Kurden die Ueberzeugung haben, sich gegen Regierungstruppen zu wehren. Herr Künzler hat den Durchzug der tscherkessischen Freiwilligen, der nur 2 Tage dauerte, in der Stadt nicht miterlebt.

Dass in Diarbekr, wie Herr Künzler schreibt, die grausamsten Dinge gegen die Armenier geschehen, und zwar infolge der Haltung des Wali, darüber lagen hier schon Anfang Juni Nachrichten vor. Bericht darüber hatte ich aufgeschoben, weil ich hoffte, einen Brief aus Diarbekr zu erhalten. Er ist aber ausgeblieben. Dass schlimmes geschehen sein muss, geht aus einer gelegentlichen Aeusserung des hiesigen Wali Djelal Bey mir gegenüber hervor, die einen Tadel des Wali von Diarbekr enthielt. Der Aufstand von Diarbekr, von dem inzwischen verlautet, ist daher möglicherweise erst die Folge der Misshandlung der Armenier.

Auch an anderen Stellen sind Grausamkeiten geschehen, wie mir zuverlässig mitgeteilt wird. Ein hier gut bekannter Schweizer, der auf Reisen gegangen war, um Brennholz für die Bagdadbahn einzukaufen, hat oberhalb Rumkaleh 6 Paar Leichen von Armeniern, auf dem Rücken zusammengebunden, den Euphrat heruntertreiben sehen. Auch sonst hat er, wie er schreibt, schreckliche Dinge gesehen. Die Gefängnisse wären überfüllt, aber über Nacht würden die Insassen auf die Seite geschafft. Es handelt sich dabei um das Mutesarriflik Malatia. (Wilayet Kharput) - Rumkaleh selbst gehört noch zum Wilayet Aleppo, in dem bisher völlige Ruhe herrscht.

Der hiesige Wali hat sogar noch durchgesetzt, dass bei Ansiedlung von Armeniern soweit sie auf Dörfern im Wilayet Aleppo erfolgt, je 20 Familien beisammenbleiben sollen.

Gleichen Bericht lasse ich der Kaiserlichen Botschaft in Konstantinopel zugehen.


Rössler


Anlage 1


Abschrift

Urfa, den 20. Juni 1915

Hochgeehrter Herr Konsul!

Die Ereignisse hier und in unserer Umgebung drücken mir ferner die Feder in die Hand, um Sie auf dem Laufenden zu erhalten.

Sie werden inzwischen meine Karte erhalten haben, durch welche ich Sie von der Gefangennahme unseres bewährten und osmantreuen Apothekers Abraham unterrichtete. Herr Eckart und ich begaben uns noch am selben Tage zum Gouverneur, um dessen vorläufige Freilassung eventuell gegen unsere Bürgschaft zu erwirken. Allein umsonst! Es liege eine Anklage gegen ihn vor, sagte der Gouverneur. Es wurden aber an diesem Tage gegen 50 Armenier gefangen gesetzt, die noch übrigen Spitzen [vorher waren bereits einige in Haft genommen und nach Rakka verbracht worden. Diese ersteren sind gut behandelt worden.] der gregorianischen armenischen und protestantisch-armenischen Gemeinde, meist sehr ruhige und landestreue Elemente.

In dieser Nacht erhielt denn auch ein armenischer gefangener Kaufmann einige hundert Stockschläge, so dass er beinahe den Tod fand. Der Gouverneur bestritt dies zwar gegenüber dem armenischen Prälaten, der ihn fragte, wie dies komme, dass Prügelstrafe angewendet werde. Zwei Tage später besuchte ich den Gouverneur wieder. Ich erlaubte mir, ihm zu sagen, dass ich befürchte, die Armenierfrage werde so enden, dass auf die deutschen Bundesgenossen ein Schandfleck falle, wenn so weiter die Gerechten mit den Ungerechten unter dem armenischen Volke leiden oder gar sterben sollten wie dies im ganzen Vilayet Diarbekir geschehen sein soll. Dieser Ausspruch berührte ihn sichtlich, nichtsdestoweniger wiederholte ich ihn auch dem Gendarmerie-Kommandanten gend ihn bescheidengenüber, der ihn wie eine bittere Pille verschluckte. Von weiteren Stockschlägen habe ich seitdem nichts mehr gehört, am Ende doch die Frucht meines Winkes. Der Gouverneur liess vorgestern den armenischen Prälaten zu sich kommen u. ihn bescheiden, dass die Armenier sämtliche Waffen abliefern sollen, andernfalls werde die ganze Bevölkerung ausgehoben und wie die Armenier aus anderen Orten und Städten in andere Gegenden des weiten Reiches verpflanzt. Der Prälat bestritt nicht, dass Waffen vorhanden seien, aber sagte er, sie sind nicht gegen den Krieg oder gegen die Regierung in unseren Händen sondern gegen die uns immer wieder drohenden Massakres seitens der schwer bewaffneten moslimischen Bevölkerung. Heute sollen bereits zwei Wagen voll Waffen abgeliefert worden sein. Aber die Regierung wünscht noch mehr. Die Armenier haben furchtbare Angst. Anno 1895 wurden sie auch zur Waffenablieferung gedrängt unter dem amtlichen Versprechen, dass sie alsdann beschützt werden sollten. Und welcher Schutz folgte? Die Abschlachtung von 7000 Menschen!

Aus welchem Grunde gestern 3 Stunden lang die ganze Stadt von Soldaten blockiert worden war, konnte ich nicht erfahren.

Vom Vilayet Diarbekir kommen die schauerlichsten Gerüchte, welche uns ganz an spanische Inquisition erinnern - dort wurde an vielen Orten die Tortur und darnach erst die erlösende Kugel angewandt. Ein besonders beliebtes Mittel soll das Ausreissen von Fingernägeln gewesen sein. Leider sind wir über Alles, was dort geschehen ist, nur auf christliche und muslimische Aussagen Eingeborener angewiesen, welche uns von dorther Kommende übermittelten, die zwar ziemlich übereinstimmen. Danach sollen in Städten und Dörfern Massaker stattgefunden haben.

Vom Zustand in Van berichtete ein von dort kommender Muslim folgendes:

”In Van kamen die umwohnenden Kurden in die Stadt und begannen, die Armenier zu töten. Diese wehrten sich. Sofort kamen die dort vorhandenen Soldaten den Kurden zu Hilfe, worauf nach blutigem Ringen die Armenier beide, Kurden und Soldaten in die Flucht schlugen und sich zu Herren der Stadt machten. Sie sprengten dann einige öffentliche Gebäude und haben dann an muslimischen Einwohnern ein grosses (Vergeltungs) Blutbad angerichtet.”

Sehr traurig ist auch die Ausräumung ganzer armenischer Städte und deren Versetzung in unwirtliche totbringende Gegenden. So kommen fast jeden Tag Trupps armenischer Bevölkerung hier durch, aus den Städten Zeitun, Hadjin, Albistan etc., welche alle in der traurigsten Verfassung sind. Kranke und Sterbende werden auf den Wegen zurückgelassen und ihrem Schicksal überlassen. Ich sah selbst einen 80jährigen Greis am Wege liegen, den ein eingetretener Schlag gelähmt hatte. Die Regierung beschloss, diesen Armeniern in keiner Weise Hilfe zuteil werden zu lassen. Und wohin sollen diese Aermsten? Im unwirtschaftlichen, wasserlosen Djebel Abdul Aziz sollen sie sich ansiedeln! Welche Opfer an Menschenleben wird dies alles erfordern, an unschuldigen Männern, Frauen und Kindern!

Der armenische Prälat Urfa’s hatte gestern ferner die Nachricht dem Gouverneur gebracht, dass im nahen Gebirge vom armenischen Dorfe Garmudj bei Urfa sich gefährliche bewaffnete Armenier aus Severek und Diarbekir befänden, Leute, welche zwar ihr Leben aufgegeben haben, sich aber gegen die Türken wehren wollen, welche in ihren Städten wieder viele ihrer Brüder marterten und töteten. Diese Revolutionäre nun begännen auch die Leute von Garmudj und Urfa aufzuwiegeln. Die Regierung schickte hierauf 6 Gendarmen behufs Erkundigung dorthin. Bei der Annäherung wurden sie mit Schüssen empfangen, ein Gendarm fiel sofort tot hin und 4 andere waren verwundet. Einer kehrte fliehend nach Urfa zurück. Jetzt wurden 200 Soldaten in jene Berge gesandt. Zwölf der Aufständischen seien getötet worden und die übrigen seien geflohen.

Hochgeehrter Herr Konsul! Wenn ich die Lage des armenischen Volkes betrachte und mich dann an die Worte des berühmten türkischen Majors Nafis Bey erinnere, der sagte, nach diesem Kriege müssen wir das armenische Volk ausrotten, oder zur Auswanderung zwingen, so befürchte ich, die Zeit des Krieges werde dazu benützt, dieses intelligente, wenn auch mit vielen Fehlern behaftete Volk möglichst zu dezimieren.

Ich sollte meinen, bei der grossen Freundschaft und starken Bundesgenossenschaft der Zentralmächte mit der Türkei, dürfte ein gelinder Wink der Ersteren an die Türkei, mit dem Armeniervolk möglichst gerecht zu verfahren, unberechenbaren Segen stiften. Gerechtigkeit erhöhet ein Volk! Die Zentralmächte sollen ein Hort für die Freiheit und gegen jegliche Unterdrückung sein. Hier ist ein Feld fruchtbarer Tätigkeit!


[Künzler]


Nachtrag

Wie mans macht!


Es wurden die letzten Tage auch mehrere Kleine Leute gefangen und ins Gefängnis geworfen. Bei einem jungen Syrier, den der Gendarm für einen Armenier hielt, gelang dies allerdings nicht. Dieser kaufte auf dem Markte etwas ein. Während er vor einer Bude stand, steckte ihm unvermerkt ein Gendarm eine Mauserpatrone in die Rocktasche. Als der Junge sodann den Laden verliess, hielt ihn der Gendarm an, ihm sagend, er müsse sich die Taschen untersuchen lassen. Dies liess er willig geschehen. Aber siehe da! Aus der Rocktasche kam eine Patrone. Der Syrier wurde blass. Der Gendarm begann ihn mit Verwünschungen vor sich zu treiben - ins Gefängnis. Allein ein Moslim stellte sich zur Hülfe. Er hatte selbst gesehen, wie der Gendarm dem Jungen die Patrone in die Tasche gesteckt hatte. So wurde der Syrier errettet. Der 15jährige Armenier Toros, Arbeiter in der amerikanischen Handwerksschule dagegen fiel herein und kam ins Gefängnis, wo er wohl lange bleiben wird. Er ging über die Strasse. Vor ihm her ging ein Gendarm. Am Boden fand Toros eine von dem Gendarmen fallengelassene Patrone liegen, welche er aufhob und zu sich steckte. Bald nachher nahm ihn der Gendarm fest und brachte ihn auf die Polizei, wo der Junge untersucht wurde, weil der Gendarm angab, es dürfte sich bei dem Jungen Munition finden. Richtig, so wars, also vorläufig ins Gefängnis.

Anlässlich eines neu gemeldeten Sieges zogen türkische Musikanten musizierend durch den Markt. Ein dummer armenischer Junge erlaubte sich zu bemerken, ob der gemeldete Sieg denn auch wahr sei? Sofort wird der Junge von den Musikanten tüchtig durchgeprügelt und sodann von der Polizei ins Gefängnis abgeführt, wo er heute noch liegt, trotzdem seither mehr als ein Monat verflossen ist.


[Künzler]


Anlage 2

Abschrift

Urfa, den 18. Juni 1915

An Frau Konsul Rössler Aleppo

..... Die freiwilligen Soldaten, Tscherkessen, die zur Zeit hier durchziehen, benehmen sich ganz nach dem Muster der Kosacken und respektieren die Regierung gar nicht. Man erzählt von zuverlässiger Quelle, dass sie sogar den Kommandanten der regulären Truppen geohrfeigt haben. Was sonst alles vorgekommen ist, will ich gar nicht erwähnen. Das können Sie sich ja selber denken. Das schlimmste von dem was ich erfahre, zwar nicht offiziell, aber doch wie ich glaube stichhaltig, ist, dass diese Banden weiter nördlich einem Kurdenaufstand Vorschub leisteten. Einer ist jedenfalls von den Kurden nicht weit von hier getötet worden und wir hören schlimme Gerüchte. Das wäre jedenfalls das Ende vom Lied. Verbreitet sich der Kurdenaufstand von Wan hier herüber, haben wir auch bald die Russen hier. Der Kurde versteht nicht, dass die Regierung ebenso verzweifelt ist über das Benehmen dieser Leute, wie er selbst. Er glaubt, sie hat Befehl dazu gegeben. Die Armenier dieser Gegend dagegen verstehen das ganz gut, sie haben immer zu der Regierung gehalten, und es ist ein grosser Irrtum, wenn sie so behandelt wurden, wie es in diesen Wochen der Fall war. Der energische Protest der hiesigen, besseren Türken beweist das deutlich genug und die Zentralregierung in Konstantinopel hätte meines Erachtens mehr Rücksicht darauf nehmen sollen. Denn erbittert sind sie nun doch geworden und wer weiss, ob das nicht zum Vorschein kommen würde, falls der Kurdenaufstand hierüber greifen sollte. Jedenfalls wäre es, glaube ich, sehr nötig, unbedingt zu vermeiden, dass mehr von diesem Pack hier durchkäme. Sonst können wir wahrhaftig des schlimmsten gewärtig sein. Unser Mutesarrif ist, glaube ich, ein wohlmeinender Mensch, ob er aber dieser schweren Lage gewachsen ist, bleibt ja noch eine offene Frage. Jedenfalls ist die hiesige Bevölkerung meines Erachtens nicht Schuld daran, wenn es schief geht, weder die Christen noch die Muhammedaner. Es ist die schiefe Leitung von oben. Warum wiegelt man z.B. die christliche Bevölkerung durch Verfolgungen auf, wo gar nichts vorgekommen ist und alles in tiefsten Frieden miteinander lebt, und warum schickt man solche ungeordneten Banden durch die Kurdengegenden, wenn es schon am andern Ende brennt? Wahrhaftig so etwas ist dumm.

So, jetzt habe ich Ihnen mein Herz ausgeschüttet. Es ist ja möglich, dass Herr Konsul irgendwo ein Wort fallen lassen kann am geeigneten Ort. Ihn wird es ja auch ärgern, dass man den Russen Vorschub leistet. Es ist Herr Eckart, der mir erzählt hat, dass der Kommandant geohrfeigt worden ist, und er fährt gewöhnlich nicht mit losem Geschwätz. Die Luft ist aber so voll Lügen, dass man nicht weiss, was man glauben soll. Ich will noch sehen, es vor Abend zu bestätigen, denn es ist einigermassen das gröbste, was vorkommen kann. Danach ist es überflüssig, mehr zu erzählen. Dass sie natürlich auch in die Häuser einbrechen, Läden plündern, Frauen schänden, das ist ja bloss selbstverständlich. Das wunderlichste ist eigentlich, dass sie bis jetzt unser Eigentum respektiert haben. Der Mutesarrif hat ihnen ein Pferd nicht nehmen können, das sie ungerechter Weise requiriert hatten, sie haben es nicht herausgegeben; unser Pferd aber haben sie wieder in den Stall gestellt, sogar noch ehe einer von uns dazu kam, nur auf die Versicherung der Armenier hin, dass es den Deutschen gehöre.

Die Geschichte vom Kommandanten ist genügend bestätigt, ein Polizist, der es mit Augen gesehen hat, erzählt es soeben.

Der Mutesarrif hat um Militär gebeten und heute sollen 3 Kompagnieen ankommen .....


[K. Jeppe]



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