1913-10-24-DE-002
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Quelle: DE/PA-AA/R 14082
Zentraljournal: 1913-A-21391
Erste Internetveröffentlichung: 2017 November
Edition: Armenische Reformen
Praesentatsdatum: 10/26/1913 a.m.
Laufende Botschafts/Konsulats-Nummer: Nr. 308
Zustand: A
Letzte Änderung: 11/19/2017


Der Gesandte in St. Petersburg (Lucius von Stoedten) an den Reichskanzler (Bethmann Hollweg)

Bericht


St. Petersburg, den 24. Oktober 1913

Die Reise Sazonow's nach Paris und Berlin gibt der "Rjetsch" Veranlassung die armenische Frage anzuschneiden, die für die Interessen Russlands als nicht weniger wichtig bezeichnet wird, wie die Balkanfrage.

In der armenischen Frage habe die russische Diplomatie eine sehr entschlossene Haltung angenommen und dadurch bekannt gegeben, dass sie Türkisch-Armenien als zur russischen Interessensphäre gehörig betrachtet. Bei der Verteidigung ihres armenischen Reformprojektes sei die russische Diplomatie seiner Zeit leider von ihren Freunden im Stich gelassen worden, da Frankreich nur bedingungsweise seine Unterstützung zusagte, Deutschland und England aber eine feindselige Haltung annahmen. Insbesondere habe Deutschland eine eigenartige Rolle gespielt. Hinterrücks habe es mit den Armeniern angebandelt und ihnen für den russischen Kranich einen "Zeisig in der Hand" geboten. Deutschland interessiere hauptsächlich Adana, weniger die sechs armenischen Vilajets. Unlängst habe diese Vilajets Dr. Lepsius bereist und versucht mit den Armeniern Fühlung zu nehmen, indem er ihnen die Eröffnung von Schulen versprach. Als Adana ein Progrom drohte, sei der Kapitän "S.M.S. Strassburg" beim Wali erschienen, um den Progrom zu verhindern und dadurch einen günstigen Eindruck auf die Armenier zu machen. Auch habe es nicht an Versuchen gefehlt, Verbindungen mit den armenischen Organisationen in Konstantinopel anzuknüpfen.

Der deutsche Widerstand sei darauf gerichtet gewesen, das russische Projekt als undurchführbar zum Scheitern zu bringen, um alsdann das verwendbare deutsche Projekt einzuführen. Diesen Plan habe die russische Diplomatie vereitelt, indem sie gemeinsame Beratungen der einzuführenden Reformen vorschlug, und, obwohl infolge dieser Beratungen das russische Projekt vielseitig gekürzt worden sei, wäre es doch möglich geworden, Deutschland zur Vertretung desselben geneigt zu machen. Trotzdem habe dieses so sehr zugestutzte Projekt nicht die Billigung der Türkei gefunden, die bestrebt sei, eins ihrer alten Reformprojekte zur Geltung zu bringen.

Man müsse annehmen, dass die russischen Interessen in Armenien einen Hauptpunkt der Verhandlungen Sazonow's mit den ausländischen Diplomaten gebildet haben, und wenn in Paris grösstenteils über Eisenbahnen im Nordostwinkel Kleinasien verhandelt worden sei, so mussten die Berliner Verhandlungen eng an die Frage der Autonomie Armeniens herantreten. Einen indirekten Hinweis darauf bilde die Nachricht, dass die Verhandlungen in Berlin auf den Boden des Grundsatzes:"do, ut des" gestellt worden wären.

Die russische öffentliche Meinung habe allen Grund, sich für den Gang dieser Verhandlungen nicht weniger als für die Balkanüberraschungen zu interessieren und wenn man dort im Laufe der letzten Monate eine ununterbrochene Reihe von Misserfolgen feststellen müsse, so bleibe die armenische Frage als letzte Position übrig, die die russische Diplomatie noch nicht ganz aufgegeben habe.

Auch in Armenien vertrete Russland nicht die eigenen, sondern allgemein europäische Interessen und schlage auch nur in diesem Umfange die wünschenswerten Reformen vor. Bei einer solchen Sachlage, insbesondere nach den Deutschland bereits eingeräumten Konzessionen, befremden die Gerüchte über einen neuen Handel in Berlin. Der Artikel schliesst mit den Worten:

"Wir wollen uns endgiltig aussprechen, wenn Einzelheiten über die Verhandlungen Sazonow's bekannt werden. Nur an die Notwendigkeit wollen wir erinnern, diesmal vorsichtiger zu sein, als während der Potsdamer Zusammenkunft".


Lucius



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