1915-10-17-DE-002
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Quelle: DE/PA-AA/R 13750
Erste Internetveröffentlichung: 2003 April
Edition: Genozid 1915/16
Laufende Botschafts/Konsulats-Nummer: Geheim
Zustand: A
Letzte Änderung: 03/23/2012


Der Leiter der Zentralstelle für Auslandsdienst (Jäckh) an den Unterstaatssekretär im Auswärtigen Amt (Zimmermann)

Bericht



Bericht über Konstantinopel und die Dardanellen auf Grund persönlicher Eindrücke im September und Oktober.[Anmerkung Auswärtiges Amt: "aus den Papieren des S.ST.S. Zimmermann August 17 erhalten"]

Meine Reise, die der Ausführung verschiedener Aufträge des Auswärtigen Amts und der Deutsch-Türkischen Vereinigung galt, nahm sechs Wochen in Anspruch: vom 30. August bis 14. Oktober. Je eine Woche dauerte die Hin- und Rückreise, auf der ich in Bukarest und in Sofia mit den Deutschen Gesandten und mit den einheimischen Staatsmännern politische Besprechungen hatte; drei Wochen brauchte die Arbeit in Konstantinopel und eine Woche der Augenschein in den Dardanellen (im Hauptquartier bei Marschall Liman von Sanders und an sämtlichen drei Fronten)

Der folgende Bericht behandelt der Reihe nach die einzelnen Aufgaben der Reise und setzt die Zusammenfassung der politischen Eindrücke an den Schluss (Seite 12).

I. Die Vorbereitungen Eines „Deutschen Hauses in Konstantinopel:

[Jäckh trug sowohl der deutschen Botschaft als auch den führenden türkischen Politikern („auf Grund meiner auf achtjähriger Bekanntschaft beruhenden freundschaftlichen Beziehungen zu Enver Pascha und Talaat bey“) sein Projekt eines „Deutschen Hauses vor“].

II. Die Gründung der Türkisch-Deutschen Vereinigung:

[Vortrag vor dem gleichen Gremium über die Gründung einer Türkisch-Deutschen Vereinigung als Gegenstück zur Deutsch-Türkischen Vereinigung in Berlin. Enver und Talaat verminderten die Zahl der an der Gründung teilnehmenden Personen von 50 auf 30 „und legten auf eine jung-türkische Zusammensatzung Wert“. Daraufhin wurden in Arbeitsbüro von türkischer Seite bestimmt: Talaats Kabinettschef Hassan Fehmi, Kaidar aus dem Unterrichtsministerium und Dr. Nasim].

III Tätigkeit für Schulen:

[Bericht über die verschiedenen deutschen und türkischen Schulen. Über die deutsche Schule in Adana notierte Jäckh: „Ich konnte in Konstantinopel die Hindernisse beseitigen helfen, die die Wiedereröffnung der deutschen Schule in Adana in Frage stellten, sodass die wegen der armenischen Frage in Konstantinopel zurückgehaltenen deutschen Lehrer samt unserem Direktor nach Adana reisen und den Betrieb übernehmen konnten.“]

IV. Die siebzehn deutschen Professoren für die türkische Universität in Konstantinopel:

[Die deutschen Professoren würden ihr erstes Jahr keine Vorlesungen halten, aber Türkisch lernen, damit sie sodann in der Lage seien, die vom türkischen Assistenten übersetzten Vorlesungen abzulesen.]

V. Aerztliches:

[Hauptsächlich ging es um die von Liman von Sanders erbetene Anlage zur Desinfizierung schlechten Wassers, unter denen besonders die deutschen Soldaten litten. Jäckh: „So sind von 300 Pionieren nur noch 12 gesund“]

VI. Weitere Berufungen von deutschen Mitarbeitern:

[Es handelt sich um die Berufung deutscher Experten für türkische Ministerien, „besonders auf die Berufung von Deutschen ins Türkische Justizministerium wird der grösste Wert gelegt“, so Jäckh, „weil so auch die Beseitigung der Kapitulationen gesichert werden soll.“]

VII. Instruktionen für deutsche Offiziere, die in die Türkei gehen:

In den vier Wochen, während meines Aufenthaltes in Konstantinopel und in den Dardanellen habe ich zu meiner Verwunderung immer wieder erleben müssen, wie wenig deutsche Offiziere von den Zielen der deutschen Orientpolitik und den Grundlagen der türkischen Entwicklung kennen. So allein ist es denkbar, dass das Schlagwort, die Türkei müsse ein „deutsches Egypten“ werden, deutsche Zustimmung findet und türkische Verstimmung verursacht. [Folgt die Anregung, die deutschen Offiziere zuvor besser zu unterrichten.]

VIII Die Deutsch-Türkische Wirtschaftszentrale:

[Handelt von dem Plan, eine Wirtschaftszentrale innerhalb der Deutsch-Türkischen Vereinigung zu errichten.]

IX. Austausch von türkischen Rohmaterialien und deutschen Fertigfabrikaten:

[Jäckh berichtet nur über die Teilnahme an einer Besprechung]

X. Zentralstelle für Auslandsdienst.

[Vorstellungen zur Verteilung von deutschen Propagandaschriften.]

XI. Personalien:

[Jäckh regt an, der deutschen Botschaft einen Marine-Attaché beizugeben sowie einen neuen finanziellen Berater der Botschaft zu berufen.]

XII. Politische Eindrücke:

Zunächst auch hier einige Tatsachen: Der Sultan hat mir gegenüber den Wunsch ausgesprochen, nach einem siegreichen Krieg den Deutschen Kaiser in Konstantinopel begrüssen zu dürfen und selbst nach Berlin reisen zu wollen. Der Sultan ist gesundheitlich sehr zufrieden und versicherte, er fühle sich seit der Operation gesünder und frischer als je zuvor. Der Sultan macht durchaus den Eindruck eines langsamen, aber lebendigen Geistes. Er äusserte u.a. auch, dass er schon deshalb nie absolutistisch regieren würde, weil er selbst ein Opfer des Absolutismus geworden sei: insofern als er heute noch nur türkisch könne, weil der Sultan Abdul Hamid ihm, sooft er sich fremdsprachliche Lehrer geholt habe, diese immer wieder weggenommen hätte. Auch der Grosswesir und Talaat Bey, die Deutschland und Berlin noch nicht kennen, haben die Absicht geäussert, nach Berlin zu kommen. Talaat lernt zu diesem Zwecke bereist deutsch.

Der deutsche Kronprinz erfreut sich einer sprichwörtlichen Beliebtheit bei den türkischen Staatsmännern: jeder einzelne erzählte mir von einem Schreiben des Kronprinzen, dass dieser in der Zeit der Adrianopelfrage an den Türkischen Botschafter Osman Nizamy Pascha richtete und das die Türken aufforderte, Adrianopel zu nehmen, ohne Rücksicht auf die Grossmächte. Ebenso erzählte mir der Grosswesir von sehr frühen Äusserungen des Kronprinzen über die Notwendigkeit eines deutsch-türkischen Bündnisses.

Über die folgenden politischen Eindrücke sind die Hauptquellen vielfache Unterredungen mit Enver, Talaat, Halil und dem Grosswesir, auch mit anderen Ministern und mit allen Unterstaatssekretären, mit türkischen Offizieren an der Front, und mit Abgeordneten und Beamten.

Bei den türkischen Staatsmännern (Enver, Talaat, Halil und auch Grosswesir) ist mir zum ersten Mal seit acht Jahren aufgefallen, dass sie gelernt haben, geschichtlich zu denken und die Verständigung mit Bulgarien sind unverrückbare Ecksteine für die türkische Zukunft geworden. Der „Zusammenhang von der Nordsee bis zum Persischen Golf“, den Halil in der Kammer proklamierte, ist kein bloßes Schlagwort, sondern innerlich erkämpfte Ueberzeugung. Dieses geschichtliche Denken bewährt sich auch in der Besprechung der türkischen Kriegsziele. „Wenn Sie uns halb Russland und ganz Egypten schenken, - der Krieg ist für uns doch verloren, wenn wir mit den alten Kapitulationen belastet bleiben“ - so sagte zu mir Halil Bey. „Die Selbstständigmachung der Türkei, ihre Unabhängigkeit, ist unsere Kriegsziel“ - erklärte Enver, und der Grosswesir meinte: „Weg mit den Kapitulationen, weg auch mit dem durch die Kapitulationen erzogenen Personal der Dragomane: diese können nicht mehr umdenken und umlernen. Her mit deutschen Beamten in alle Ressorts!“. Was mir an dem ganz französisch erzogenen Grosswesir am meisten auffiel, war ein einstündiger Vortrag von ihm selbst: das und warum „L’esprit français nous a abîmé“. Dass das richtig ist, wissen wir; dasss es aber diese Persönlichkeit klar einsieht, ist neu. Als Fortschritt möchte ich auch bezeichnen, dass das Triumvirat sich innerlich von Dschavid Bey gelöst hat: er ist für sie nicht mehr „der imponierende Intellektualismus“; sie möchten ihn, je eher, desto lieber, auf einen Ehrenposten ins Ausland abschieben, - mit dem Friedensschluß nach Paris als Botschafter. Von Deutschland erwartet das Triumvirat „Vertrauen und nochmals Vertrauen“, deutsche Mitwirkung in allen Aemtern und besonders im Justizministerium. (vergleiche obern Absatz XI, S. 8.). Der Wille zum Durchhalten mit Deutschland ist bei diesen Staatsmännern fest, und sie sind wirklich noch „Machthaber“, die die Macht in Händen haben.

Die Stimmung im Volk ist völkisch verschieden. Gegen die Türkische Regierung und gegen Deutschland ist das französisch verdorbene Levantinertum, die armenische Schicht (die Deutschland für die armenische Verfolgung verantwortlich macht) und die arabische Bevölkerung, besonders die christliche (aus französischer Schulung und englischer Versorgung). Gegen uns gestimmt sind auch alle die Einzelpersonen, die gewohnt waren, aus französischen oder englischen Kassen Pensionen zu beziehen. Das türkisch-anatolische Volk, die Heimat des Soldatenmaterials, empfindet türkisch, ist stolz auf die türkische Dardanellenleistung und verehrt den deutschen Bundesgenossen. „Maschallah aleman!“ (Gott segne die Deutschen) - habe ich dutzendfach gehört, und ebenso habe ich es wiederholt erlebt (selbst in der heiligen Moschee von Ejub), dass alte patriarchalische Türken auf mich zutraten und mich streichelten mit den Worten „Machallah aleman“. Im Café habe ich oft die türkischen Diskussionen der Zeitungsleser damit endigen hören: „Sie werden uns schon helfen, die Deutschen!“ Zwei Einschränkungen sind zu machen, eine wirtschaftliche und eine politische (welch’ letztere bereits durch Ereignisse seither beseitigt worden ist). Die wirtschaftliche Not wächst an, weniger aus Mangel an Materialien als aus Mangel an Organisation und den Verkehrsmitteln. Der Chef der Intendantur, Ismail Hakki Pascha, requiriert weithin mit einer nur im Orient zu ertragenden Brutalität, aber auch mit einem bisher einzigartigen Erfolg. Nach den deutschen Subsidien wurde sehnsüchtig verlangt. Enver weist mit Bitterkeit darauf hin, dass wir in Rumänien hunderte Millionen deutschen Geldes verschwenden - ohne Erfolg, und dass wir unsere Geldgaben für den türkischen Bundesgenossen mit Bahn- und Bankkonzessionen belasteten. Die Dardanellenarmee hatte seit mehreren Monaten keinen Sold bekommen und kämpft trotzdem heldenhaft und dank der reichen Beute an englischem Gold und an französischen Scheinen auch einigermaßen zufrieden. „Aber wir müssen mit unserer nackten Brust die Dardanellen halten; ihr Deutschen habt alle technischen Hilfsmittel, wir nicht!“ - so klagen türkische Offiziere und Politiker vorwurfsvoll gegen das jung-türkische Komitee, das bei Deutschland nicht mehr erreiche, und gegen die Deutsche Regierung, Das ist (wie gesagt) inzwischen weggefallen seit unserer serbischen Offensive, die einen ungeheuren Eindruck machte, nicht nur militärisch, auch moralisch: dass wir in den gleichen Tagen, wo die französisch-englische Offensive im Westen mit aller Wucht sich auf uns wirft, einen neuen Kampfschauplatz aufsuchen und auf uns nehmen.

Was den türkischen „Nationalismus“ anlangt, so ist er gewiss vorhanden - muss auch vorhanden sein, denn er ist die Kraft, mit der die Türkei diesen Krieg führen kann. Er nimmt bei halbgebildeten und deshalb eingebildeten Offizieren und auch Beamten wohl auch die Form des Chauvinismus und der Selbstüberhebung an. Er wird auch dadurch genährt, dass deutscherseits das Schlagwort vom „deutschen Egypten“ aufgekommen ist (vergleiche Absatz VII S. 9.). Das Wesentliche aber scheint mir zu sein, dass die türkischen Staatsleiter klar und genau die Grenzen ihrer Kraft und die Notwendigkeit der deutschen Mitwirkung erkennen. Was meinen Eindruck von den Deutschen anlangt, so kann ich auch hier auf Absatz VII verweisen und mich auch hier auf die beiden angefügten Niederschriften (Anlagen 3 und 4) beziehen, die ein Bild von Desorganisation unserer deutschen Arbeit geben.

Zwei grosse türkische Sorgen sind Mesopotamien und Armenien. In Mesopotamien kommen die Engländer voran und bedrohen Bagdad. Ein englisches Mesopotamien würde einem deutschen Belgien gleich sein. Hoffentlich gelingt es einer türkischen Neuformation, unter deutscher Leitung den Feind militärisch aus Mesopotamien hinauszuwerfen, damit die Befreiung Mesopotamiens nicht erst diplomatisch geleistet werden muss, was den Wert unseres belgischen Faustpfands belasten würde.

Auftragsgemäß habe ich meine persönlichen Beziehungen zu Enver auch dazu zu benützen gesucht, ihm zur Abberufung von Reuf zuzureden. Ich versuchte das wiederholt; anfangs ohne Erfolg; erst allmählich wurde Enver zugänglich. Kurz vor meiner Abreise stellte er mir die Abberufung von Reuf in Aussicht und schlug die Mission Goltz vor.

In der armenischen Frage stellt sich Enver immer wieder auf den Standpunkt der notwendigen Sicherung des Türkischen Reiches gegen eine armenische Revolution, die im Rücken der türkischen Truppen ausgebrochen war. Talaat freilich machte keinen Hehl daraus, dass er die Vernichtung des armenischen Volkes als eine politische Erleichterung begrüße: Dschavid und Hussein Dschahid opponierten immer energisch gegen diese armenische Politik, ersterer besonders aus wirtschaftlichen Erwägungen. Der Direktor der Deutschen Orientmission, Schuchardt, sagte sich mir telegraphisch an, um selbst nach Armenien zu sehen; ich riet ihm aber telegraphisch ab, nach Konstantinopel zu kommen: er hätte doch nichts erreicht und hätte nur nachher wie Lepsius bei den Neutralen antitürkische Stimmung verbreitet. Diesen Herren gegenüber sollte man immer wieder darauf hinweisen, was die türkische Kriegsbeteiligung in den Dardanellen uns gegenüber Russland und England genutzt hat und dass die türkische Kriegsentscheidung auch zum Schlüssel für den Balkan geworden ist: für die rumänische Neutralität und für das bulgarischen Bündnis.

Noch ein Wort über Persien: Halil wollte mich ausfragen, ob Deutschland mit Persien direkt in Verbindung treten wolle; die Türkische Regierung möchte, dass wir sie als eine Art mohamedanisches Preussen anerkennen, dass die politische Vormacht auch für Persien und Afghanistan bedeute. Im Gegensatz dazu betonte der Persische Botschafter in Konstantinopel immer wieder die Vorzüge und Vorteile einer direkten deutsch-persischen Arbeit. Die Entsendung einer Expedition deutscher Offiziere scheint mir ein guter Anfang zu sein.

XIII. Eindrücke in den Dardanellen:

Ich war, wie gesagt, eine Woche im Türkischen Hauptquartier bei Marschall Liman von Sanders und mit ihm an allen drei Fronten in ihrer ganzen Ausdehnung. Ich war stündlich überrascht von dem guten und starken Zustande der Verteidigungsstellungen: überall Schützengräben in deutscher Vollkommenheit, überall alle Höhen in unseren Händen (mit der einzigen Ausnahme bei der Südgruppe, wo die Engländer eine Höhe besitzen, schon seit Monaten, aber ohne deshalb vorwärts zu kommen). Die Stimmung der Truppen scheint gut, besonders freudig durch die leichte Beutemöglichkeit: englisches Schuhwerk und englisches Schanzzeug ist neben dem schon erwähnten Bargeld sehr gegehrt und wird auch immer wieder dem Feinde abgenommen. Der Hass gegen England ist ausserordentlich, 64 Stunden weit kamen türkische Soldaten her, schweißgebadet und staubbedeckt, Deserteure von der Goltz-Armee, nur um bei Liman „Engländer totschlagen zu können, die es bei Goltz nicht gebe“. Das wiederholte sich so oft, dass Liman auf solche „Desertion“ Strafe setzen musste. Pardon wird keiner gegeben. Ein Regiment, dem vor einem Gefecht Belohnung auf mindestens zwölf gefangene Engländer und andernfalls Bestrafung in Aussicht gestellt wurde, brachten nach dem Kampfe glücklich elf Engländer zusammen. Die Leistungen der türkischen Truppen werden von allen deutschen Offizieren anerkannt: 75 Prozent Verluste in manchen Gefechten und trotzdem unerschütterlich im Granatfeuer. Ebenso wird deutscherseits erklärt, dass nur türkische Truppen mit ihrer Anspruchslosigkeit den Strapazen, dem Klima und der Unterernährung gewachsen seien. Von 300 deutschen Pionieren sind nur 12 gesund geblieben. die türkische Mannschaft macht überall den Eindruck guter Disziplin, wie ich sie selbst seit acht Jahren jetzt zum ersten Mal gefunden habe. Auf der Gallipoli Halbinsel werden Tag und Nacht durch die griechischen und armenischen Arbeitssoldaten Strassenarbeiten ausgeführt und Autostrassen gebaut. Die organisatorische und militärische Leistung Limans wird von allen türkischen und deutschen Offizieren, auch von allen, die ihn menschlich hassen oder verachten, als einzigartig anerkannt und gerühmt: am 8. August soll Liman persönlich das Verdienst sich erworben haben, die Dardanellen zu halten und die Engländer von einer entscheidenden Höhe, die sie bereits genommen hatten, in einem Gegenangriff herunter zu werfen. Heute ist die breiteste Stelle, die die Engländer an der Anaforta Linie besitzen, nur 11/2 km breit; sie halten sich nur unter dem Schutz ihrer schweren Schiffsgeschütze. Schwere Artillerie und gute Munition unsrerseits - und der Feind kann ins Wasser geworfen werden. Munition ist während der letzten Woche, da die Engländer keine Offensive mehr wagten, viel angehäuft worden: „Silberne Kugeln“, wie Enver sie nannte; „Goldene Kugeln“, wie General Pieper sie bezeichnete. Aber die Qualität ist nur so, dass durchschnittlich nur 40 Sprengstücke entstehen gegenüber den 350, die unsere deutsche Munition hat. Pieper betonte immer wieder, man möge ihm vertrauen und wenn er etwas fordere, sei es wohl durchdacht, und man solle nicht lange mit ihm verhandeln, sondern immer rasch alles ausführen, aber immer nur erste Qualität an Material und Menschen!

Mit welchen Schwierigkeiten die türkische Kriegführung zu kämpfen hat, zeigt auch folgendes Vorkommnis: die kartographischen Aufnahmen von der Gallipoli-Halbinsel, die von deutschen Offizieren hergestellt und im Türkischen Kriegsministerium vervielfältigt wurden, sind in den Besitzt der deutschen Offiziere zuerst gekommen aus den Tornistern von englischen Gefangenen , als aus dem Türkischen Kriegsministerium selbst. Soweit ist die Spionage-Organisation gediehen!

XIV. Stimmung in Sofia und Bukarest:

[Jäckh äußert Lob für die Bulgaren und Zweifel an den Rumänen]

Ich kann diesen Bericht nicht schliessen, ohne nicht meiner persönlichen Befriedigung darüber Ausdruck gegeben zu haben, dass ich in den entscheidenden Wochen an den zuständigen Stellen Zeuge des diplomatischen Werkes sein konnte, dass nach Bismarck’s Zweibund-Vertrag mir die bedeutsamste Schöpfung in der Geschichte des Deutschen Reiches zu sein scheint: die Verbündung der Zentralmächte und der Türkei mit Bulgarien. Ich würdige dieses Werk nicht nur als entscheidend für den Ausgang dieses Krieges, sondern als grundlegend für die deutsche Weltpolitik auch im Frieden.

Berlin, den 17. Oktober 1915.


Jäckh
Anlage III.

[Jäckh lamentiert über die Vielköpfigkeit des deutschen Kommandos und fordert vor allem, die gesamte Marine unter die Leitung eines Admirals zu bringen.]

Anlage IV.

[„Das Hineinziehen der Türkei in den deutschen Krieg“ läßt Jäckh eine Liste von Mängeln der türkischen Kriegsvorbereitungen folgen. Über den Krieg gegen Rußland schreibt er: „Man muss wohl annehmen, dass auch die Schwierigkeiten eines Winterfeldzuges im Kaukasus vom hiesigen Grossen Hauptquartier unterschätzt worden sind, besonders die Verpflegungsschwierigkeiten. Unter allen Umständen war die Wahl des Zeitpunktes für den Beginn des Krieges gegen Russland sehr ungünstig, denn die Kaukasusarmee (III. Armee) hatte ihren Aufmarsch damals noch nicht vollzogen; ein ganzes Armeekorps (das X.) musste von Samsum über das Schwarze Meer nach der Grenze abtransportiert werden, nachdem bereits die Feindseligkeiten eröffnet waren. Dieser Transport und die in der Folge der Operation notwendig werdenden Nachschübe von Verpflegung, Munition und Material forderte von der Flotte eine Sicherungs- und Deckungstätigkeit, die sie ihrer eigentlichen Aufgabe (Schädigung der feindlichen Seestreitkräfte) entzog und die ihr unterlegenen türkischen Einheiten ohne Rückhalt der feindlichen Gegenwirkung aussetzte. Letzten Endes hat dann die Führung selber den Zusammenbruch im Kaukasus verschuldet, hauptsächlich wohl durch übermäßige Gewaltmärsche zum Zwecke einer Umgehung. Die III. Armee hat ihre Offensivkraft verloren und steht weit innerhalb der Grenzen. Es kann von ihr nicht mehr erwartet werden, als dass sie ihre jetzige Stellung im Grossen und Ganzen hält, da ja eine starke russische Offensive an dieser Stelle kaum anzunehmen ist.“

Auch die Feldzüge gegen Ägypten und den Irak seien nicht gut gelaufen. Im Schwarzen Meer hätte die türkische Flotte nie die Seeherrschaft erringen können, „sodass schliesslich die Tätigkeit der gesamten deutsch-türkischen Flotte auf die Deckung der Kohlenversorgung beschränkt wurde und auch diese nicht vollständig zu sichern vermag.“

Große Mängel stellte Jäckh auch bei der Vorbereitung der Meerengenverteidigung fest: „an einer wirklich ernsthaften Durcharbeitung der Kriegsmöglichkeiten und der dagegen zu treffenden Maßnahmen hat es von vornherein und bis zur Stunde gänzlich gefehlt.“ An den Dardanellen sei die Stellung jetzt gut ausgebaut, am Bosporus noch nicht. Die Kohlenot sei groß, die deutsche militärische Führung müsse gestrafft werden. Jäckhs Fazit: „Abschließend soll bemerkt werden, dass trotz aller erwähnten Mängel der deutschen Organisation die Durchführung des Widerstands bis jetzt nur möglich war durch das deutsche Element, dass die Türken sich zwar ausgezeichnet geschlagen haben, und das Land ohne Frage grosse Opfer gebracht hat und noch dauern bringt, dass aber nur die deutsche Lehrtätigkeit, Organisation und Führung imstande gewesen sind, dies unwissende und verantwortungsfeindliche Volk zu solchen militärischen Leistungen aufzuraffen.“



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