1913-10-24-DE-001
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Quelle: DE/PA-AA/R 14082
Erste Internetveröffentlichung: 2017 November
Edition: Armenische Reformen
Laufende Botschafts/Konsulats-Nummer: Nr. 984
Zustand: A
Letzte Änderung: 11/19/2017


Der Unterstaatssekretär des Auswärtigen Amts (Zimmermann) an den Botschafter in Konstantinopel (Wangenheim)

Erlaß



Nr. 1445.

Berlin, den 24. Oktober 1913

Antwort auf Telegramm Nr. 613.1

Nach hiesigen Eindrücken liegt es keinesfalls in Russlands Absicht, uns in der armenischen Frage vorzuschieben, um das Odium eines etwaigen Scheiterns der Reformen auf uns abzuwälzen. Herr Sassonov zeigte sich ehrlich erfreut über die vertrauensvolle Kooperation Euerer Exzellenz mit Herrn von Giers und wollte an dieser gemeinsamen Arbeit nichts ändern. Er stimmte aber unserer Ansicht zu, dass man die Pforte zur Annahme des vereinbarten Programms mit möglichster Schonung bewegen müsse, und versprach in diesem Zusammenhang, Herrn von Giers anzuweisen, dass er nicht schärfer vorgehen solle als sein deutscher Kollege: bei den Versuchen, der Pforte die verabredeten Vorschläge schmackhaft zu machen, sollten Euer pp. das Mass der Dringlichkeit der Einwirkung bestimmen. Nur in diesem Sinne sollte Ihnen die Führung zufallen, im übrigen aber sollte die Angelegenheit selbstverständlich, auch dem Grosswesir gegenüber, weiter von Ihnen und Herrn v. Giers gemeinsam betrieben werden.

Wie Euer pp. telegraphisch mitgeteilt ist, stellte Herr Sassonow auf das bestimmteste und in durchaus überzeugender Weise in Abrede, dass Russland auf Türkisch-Armenien Absichten hätte. Die Schwierigkeiten, die den russischen Behörden von den bereits zu Russland gehörigen Armeniern gemacht werden, liessen dem Petersburger Kabinett eine Vermehrung dieses revolutionären Elements nur unerwünscht erscheinen. Dagegen müsste Russland allerdings sowohl mit Rücksicht auf seine armen. Bevölkerung wie im eigenen Interesse der Türkei auf Reformen in den armen. Wilajets Wert legen. Das Beispiel Mazedoniens zeigte, dass zur erfolgreichen Durchführung des Reformwerks eine gewisse Mitwirkung der Mächte bei der Bestellung der Generalinspekteure unerlässlich sei. Das Fehlen einer solchen Mitwirkung wäre nach Herrn Sassonows Ansicht in erster Linie für das Scheitern der mazedon. Reformen verantwortlich. Der Minister bezeichnete das von Euer pp. mit dem russ. Botschafter ausgearbeitete Reformprogramm als geeignete Basis und gab der Hoffnung Ausdruck, dass die Pforte bei ruhiger Weiterarbeit unserer beiden Vertreter schliesslich für die Annahme wenigstens der wesentlichen Forderungen des Programms zu gewinnen sein werde.

Euer pp. darf ich hiernach bitten, in der armen. Frage weiter möglichst vertrauensvoll mit Ihrem russischen Kollegen zusammenzugehen. Die in letzter Zeit zutage tretende versöhnlichere Haltung des Herrn von Giers dürfte der Kooperation nur zugute kommen. Denn diese wurde anfangs hauptsächlich dadurch erschwert, dass Russland für die von uns beobachteten Rücksichten auf die Empfindlichkeit und Eigenliebe der Türkei nicht genügendes Verständnis zeigte. Im armen. Interesse schärfere Forderungen zu stellen oder größeres Empressement an den Tag zu legen als Russland, haben wir keinen Anlass.

Mit der Absicht Euer pp., vom Grosswesir zunächst eine schriftliche Rückäusserung zu verlangen, sind wir vollkommen einverstanden.


Z[immermann]

1 Dok. 1913-10-23-DE-001.



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